Zum Nachmachen: Ein Spaziergang mit vielen Kleinoden - Pirandellotisch folgt Heinz Contzen durch das Godesberger Villenviertel

(de)Zu einem virtuellenSpaziergang durch das Godesberger Villenviertel folgten kürzlich rund 40 Mitglieder des Pirandellotisches und Freunde unserm Lesefreund Heinz Contzen. Das Ergebnis: Fast alle wollen nun die prächtigen Gebäude, vorwiegend im Jugendstil, nun auch realiter bei einem wirklichen Rundgang vor Ort in Augenschein nehmen. Kein Wunder, denn dieaussagekräftigen, beeindruckenden Fotos (Prädikat: "Künstlerisch wertvoll") machten einfach Lust auf mehr.

Damit auch alle unsere Mitglieder, aber auch Gäste dieser Seite diesen Spaziergang nachvollziehen können, veröffentlichen wir hier den Vortrag von Heinz Contzen in Gänze. Eines besonderen Hinweises bedarf es noch auf die Jugendstil-Glasfenster, die in ihrer Schönheit bestechen. In vielen Häusern des Villenviertels sind - von außen kaum sichtbar - bunte Fenster mit den typischen Motiven des Jugendstils zu sehen, sie gehören zur Architektur und Wohnkultur der Zeit zwischen den Jahren 1880 bis 1914. Die Fenster sind durch ihre Farbvielfalt und Harmonie eine fotografische Fundgrube.

Drucken Sie sich den Text von Lesefreund Contzen einfach aus. Und dann: Viel Spaß bei Ihrem Spaziergang.

Der Vortrag im Wortlaut

 

Das Gebiet mit etwa 150 repräsentativen Villen zwischen Rüngsdorf, Plittersdorf, der linksrheinischen Bahnlinie und dem Rhein wurde größtenteils ab 1888 erschlossen und bebaut, mit Beginn des ersten Weltkrieges 1914 war diese Bebauung schon weitgehend abgeschlossen. Erste Bauten gab es jedoch schon vor dieser umfassenden Erschließung, und zwar die Villa der Bürgermeisters August von Groote (1863) und die evang. Erlöserkirche (1878-1880), beide am südlichen Ortsrand des heutigen Villenviertels. Das ziemlich einheitliche Erscheinungsbild des Villenviertels liegt vor allem daran, dass die bis zum Baubeginn freie Ackerfläche zwischen der Bahn und den Dörfern Plittersdorf und Rüngsdorf in einem sehr kurzen Zeitraum bebaut wurde und nur wenige Architekten und Bauunternehmungen daran beteiligt waren. Diese richteten sich nach den Vorstellungen der Bauherren, das waren zunächst wohlhabende Kaufleute aus dem Kölner und Wuppertaler Raum und später zunehmend auch Industrielle und Kaufleute aus den preußischen Gebieten, was gelegentlich auch zu Spannungen führte.

Diese finanziell gut gestellten Bauherren wollten in der damals sehr attraktiven Badestadt Bad Godesberg herrschaftlich wohnen und der Baustil des Historismus kam ihren Erwartungen entgegen. So entstanden zunächst Villen und Doppelvillen im Stil des Historismus und dann im Jugendstil; aber auch rheinische Stilelemente, wie Fachwerk und Klinker, wurden gerne übernommen. Ein Rundgang durch das Godesberger Villenviertel – fotografisch begleitet – zeigt die Vielfalt der Stilrichtungen, aber es wird auch das einheitliche Gesamtbild des Viertels deutlich.

Die Erlöserkirche, wie sie seit 1953 genannt wird, war vorher einfach die evangelische Kirche, weil es nur eine gab. Die Kirche aus Feldbrandziegeln ist neoromanisch im Äußeren und mehr klassizistisch im Inneren. Sie ist dem Pfarrer Julius Axenfeld zu verdanken, der 25 Jahre lang unermüdlich und rastlos für seine Gemeinde tätig war.

Das Evangelische Gemeindehaus entstand 1903, man erkennt auch hier historisierende/gotische Bauformen, es wirkt wie „eine feste Burg“.

Das gilt auch für das Haus Rheinallee 24, das schon sehr fremdartig wirkt und an Gebäude der Renaissance erinnert, hier an den ital. Architekten Andrea Palladio.

Das Haus Rheinallee 47, das 1914 von dem Architekten Willi Maß erbaut wurde, erinnert mit seinen Säulen und Giebelchen an barocke Formen.

Auch das Päda/Otto Kühne Schule geht auf einen Entwurf von Willi Maß und die Initiative des Pfarrers Axenfeld zurück,. Der Spruch am Eingang aus Psalm 111 erinnert an die evang. Entstehung, dürfte aber die Schüler nicht besonders ermuntern, er lautet „Die Furcht der Herrn ist der Weisheit Anfang“.

Otto Kühne übernahm 1889 die Schule, und sie bis heute im Familieneigentum.

Die Liste berühmter Schüler des Päda ist lang: Graf Berghe von Trips, Juli Zeh, Konstantin Prinz von Wied, Professoren, Künstler und Politiker, aber auch die Nazigrößen Robert Ley und Rudolf Hess.

An der Villa Godesberg in der Mirbachstraße erkennt man gotische und romanische Stilrichtungen, im Fachwerk im Obergeschoss wird sogar Rheinisches deutlich.

Das Haus Rheinallee 2a (1913) fällt durch Form und Farbe auf und erinnert an ein antikes Bauwerk, es wurde für den jüdischen Makler Sally Spiegel erbaut, der dem Schicksal vieler Juden in Deutschland nicht entkommen konnte, daran erinnert ein „Stolperstein“ auf dem Gehweg vor diesem Haus.

Die Bebauung des Villenviertels in den Formen des Jugendstils, zeigt sich z. B beim Gasthaus zum Löwen aus dem Baujahr 1903.

Die kath. Herz-Jesu-Kirche wurde 1906 nach nur einjähriger Bauzeit auf Drängen der kath. Bewohner des Villenviertels errichtet und 1936 erweitert. Sie zeigt im Inneren und Äußeren die einfachen und klare Linien des Bauhausstils. (zu evangelisch und katholisch s. Bericht des GZ Bonn (2013) „Hilfe, die Protestanten kommen“).

Eine Besonderheit der Fassadengestaltung wird in Art déco deutlich. In vielfältiger Form werden Schmuckelemente, zum Teil schablonenhaft, zur Gestaltung der Fassaden eingesetzt; Beispiele zeigen, wie gut erhalten und gepflegt diese sind.

Viele Villen wurden in der Zeit der Bundeshauptstadt Bonn als Botschaften genutzt,

man sprach vom Diplomatenviertel; Beispiele sind die Gebäude der Botschaften von Ägypten und dem Irak.

Ein fotografischer Rundgang durch das Villenviertel zeigt beispielhaft die Vielfältigkeit der Villen im Jugendstil.

Ausdruck des Jugendstils sind auch Türen, Fenster und Fassaden.

Wenn es Abend wird im Villenviertel lohnt sich ein Rundgang besonders, dann zeigen sich die Villen in fast mystischem Licht.

Höhepunkt und Abschluss ist ein Besuch der Villen mit den bunten bleiverglasten Jugendstilfenstern. Hier fallen die Formen und Farben des Jugendstils besonders auf, wie Fotocollagen der einzelnen Fenster zeigen.