"Et sibi et aliis"- Altruismus statt Egoismus -zweites Treffen des Gesprächskreises "Aufklärung und Zeitgeist"

(e.B.) Der Anfang des Jahres neu gebildete Gesprächskreis „Aufklärung und Zeitgeist“ traf kürzlich unter der Leitung von Lesefreund Emil Schwippert, der den Kreis auch initiiert hatte, zum zweiten Mal zusammen. Das Thema lautete diesmal: „Egoismus, Tugend oder Laster?“.

 

Berühmte deutsche Philosophen des 19. Jahrhunderts wie Schopenhauer und Nietzsche haben sich mit dem Egoismus befasst und ihn als eine grundlegende Triebfeder des menschlichen Verhaltens beschrieben. Originell war diese Erkenntnis freilich nicht: Vor über 2000 Jahren schon erklärte Plautus im alten Rom, ihm sei das Hemd näher als der Rock.

 

Einen guten Ruf hat der Egoist in unseren Tagen freilich nicht. In der Öffentlichkeit werden nicht Egoisten als Vorbilder dargestellt und geehrt; der Beifall gilt öfter dem Altruisten, der selbstlos für andere einsteht. Dem stellt sich das in der englischen Originalausgabe 1964 erschienene Buch „Die Tugend des Egoismus“ der aus Sankt Petersburg stammenden und 1926 in die USA ausgewanderten Autorin Amy Rand entgegen, dessen Titel die vorherrschende Bewertung bewusst provoziert. Die 1982 verstorbene und in den USA überaus erfolgreiche Schriftstellerin feierte spätestens seit dem Amtsantritt des derzeitigen amerikanischen Präsidenten ein internationales Comeback. Manchen Feuilletonisten erscheint sie als frühe Vordenkerin eines nationalegoistischen „America first“.

 

Diesem neuen Ruhm zum Trotz standen die Teilnehmer des Gesprächskreises den Gedanken von Rand reserviert gegenüber. Deren Ausgangsüberlegung, dass sich der Mensch wie jeder andere Organismus primär um den Fortbestand seines Lebens zu kümmern habe, fand zwar grundsätzliche Zustimmung.. Auch der Rat, der Mensch solle sich bei der Bewältigung seines Lebens intensiv des ihm gegebenen Verstandes bedienen, klang den Lesemitgliedern nicht fremd. Die kriminell agierenden Zeitgenossen als Schmarotzer abzutun und mit dieser Begrifflichkeit aus dem Kreis der Egoisten zu eliminieren, leuchtete hingegen nicht ein. Die Prämisse, rationales Denken führe zu objektiv ethisch wertvollem Verhalten, vermochten die lebenserfahrenen Gesprächsteilnehmer nicht nachzuvollziehen.

 

Dem von der Autorin auf diese Weise als Tugend bezeichneten Egoismus stellt sie den von ihr entschieden abgelehnten Altruismus entgegen. Diesen scharfen Gegensatz akzeptierten die Gesprächsteilnehmer gleichfalls nicht und waren sich stattdessen einig, dass in eine gute Vorteilsberechnung altruistisch anmutende Zwischenschritte eingebaut werden können, um gute Rahmenbedingungen für das weitere taktische Vorgehen zu erhalten. Kluger Egoismus könne in mehreren Schritten denken und müsse gerade nicht schon im ersten Glied der Kausalkette sein Ziel suchen. „Der Eigennutz spricht alle Sprachen und spielt alle Rollen, sogar die Selbstlosigkeit“ (de la Rochefoucauld). In einer stark moralisierende Gesellschaft verspricht diese Strategie eher Erfolg als die Maxime, stets die Ellbogen beim Vorwärtsdrängeln einzusetzen.

 

Das den eigenen Vorteil anstrebende Handeln ist dann besonders kritisch unter die Lupe zu nehmen, wenn es gleichzeitig anderen Menschen Schaden zufügt. Ob ein Handeln ohne Schadenszufügung überhaupt egoistisch genannt werden kann, ließen die Gesprächsteilnehmer offen.

 

Der Gesprächskreis neigte jedoch zu einer einheitlichen Linie bei der Prüfung des Beispiels, in dem die Tochter oder der Sohn die Annahme eines hochinteressanten beruflichen Auslandangebots gegen die Pflegebedürftigkeit der alten Eltern abzuwägen haben. Im einzelnen Fall wird die moralische Bewertung sehr davon abhängen, wie existenziell die Eltern auf die Anwesenheit des Kindes angewiesen sind und wie unwiederbringlich andererseits die Chance für dessen berufliche Fortentwicklung ist. Keinesfalls ist das Kind gehalten, zu Gunsten der Sorge für die Eltern auf jeden eigenen Lebensentwurf zu verzichten.

 

Nationalismus und Rassismus unterscheiden sich vom Egoismus dadurch, dass sie kein individuelles Prä, sondern den Vorteil einer Nation oder einer ethnischen Gruppe anstreben. Als Reflex fällt für das Ego des Nationalisten oder Rassisten ein Stück des Glanzes ab, den die für exklusiv wertvoll erachtete Nation oder Rasse abwirft. Amy Rand weist in ihrem Buch – der Applaus der Gesprächsteilnehmer war ihr gewiss – den Rassisten gnadenlos in seine Schranken. Details ihrer Ausführungen, in denen sie Interesse für Stammbäume und eine detaillierte Schilderung der Familiengeschichte in einer Autobiografie als Varianten des Rassismus bezeichnete, stießen aber auf Unverständnis.

 

Der – von Amy Rand scharf abgelehnte – Utilitarismus hat nicht das Wohlergehen eines Einzelnen im Auge, sondern den größtmöglichen Nutzen für die größtmögliche Zahl. Dieser Ansatz fand bei den Teilnehmern keine grundsätzliche Kritik. Die schwer zu beantwortende Gretchenfrage lautet indessen, wie dieser Nutzen der großen Zahl zu definieren ist, von wem er bestimmt und wie er durchgesetzt werden kann. Belässt man es bei einem reinen Nützlichkeitsdenken, läuft der Utilitarismus Gefahr, den Boden einer humanistischen Wertordnung preiszugeben. Sein bekanntester Verfechter, John Stuart Mill, hat daher einem „qualitativen Utilitarismus“ das Wort geredet.

 

Ob ein erfolgreiches Wirtschaftssystem zu einem guten Teil auf den Egoismus des Einzelnen setzen soll oder nicht, war das große Thema des 20. Jahrhunderts. Mit dem Untergang der Sowjetunion schien die Frage beantwortet und als restliches Problem allein noch klärungsbedürftig zu sein, wie frei oder sozial die Marktwirtschaft ausgestaltet werden solle. Der derzeit erfolgreiche Dritte Weg Chinas lässt bei Vorgaben durch Fünf- Jahres- Pläne nicht nur mittelständischen, sondern auch weltweit operierenden Unternehmen große ökonomische Freiheiten bei deren Umsetzung. Dem Egoismus ökonomisch breiten Raum zu lassen stößt indessen (wie aktuell die Thesen von Kevin Kühnert zeigen) dennoch immer wieder auf Kritik, weil sich Menschen eine bessere Welt als eine Welt voller Egoismen wünschen. Im 19. Jahrhundert hat der liberal-konservative Schriftsteller Theodor Fontane über sein Preußen geschrieben: „Unsere ganze Gesellschaft ist aufgebaut auf dem Ich. Das ist ihr Fluch, und daran muss sie zu Grunde gehen“.

 

Fazit der Teilnehmer: Nach dem traditionellen Motto der Bonner Lese ist anzustreben, die egoistischen und die altruistischen Tendenzen harmonisch miteinander zu verbinden - „et sibi et aliis“. Geben wir uns Mühe.