"Den Heidenkindern helfen..."- Professor Michael Bohnet zum Thema "Deutschlands koloniales Erbe - Deutsche Kolonialpolitik und deren Rückwirkungen bis heute" in der Lese

Ein Bericht von Johann Hahlen

Trotz außergewöhnlicher Hitze - zu Beginn des Vortrags im großen Saal des Hauses der Evangelischen Kirche zeigte das Thermometer noch 37 Grad Celsius - hatten sich auf Einladung der Lese-und Erholungs-Gesellschaft Bonn kürzlich knapp 50 Zuhörer/innen eingefunden, die mit einem außerordentlich interessanten Vortrag belohnt wurden. In fünf/viertel Stunden schlug Prof Michael Bohnet, einer der besten Kenner und langjähriger Gestalter der deutschen Entwicklungshilfe, zuletzt bis 2002 Abteilungsleiter im BMZ, und Autor zahlreicher Bücher für seine ihm gespannt folgenden Zuhörer/innen in seinem Vortrag “Deutschlands koloniales Erbe - Deutsche Kolonialpolitik und deren Rückwirkungen bis heute” einen Bogen von der Geschichte der deutschen Kolonialbewegung bis hin zur heutigen, kontroversen Diskussion um die Restitution kultureller Güter, die insbesondere von Afrika nach Europa gebracht worden sind.

 

Richard Wagner war einer der ersten, der 1848 in Deutschland Propaganda für Kolonien machte. Den Befürwortern deutscher Kolonien ging es um Absatzmärkte, Siedlungsraum für deutsche Auswanderer, Zivilisierung und Missionierung der „Eingeborenen“ sowie eine Milderung innerer sozialer Spannungen durch Auswanderung. Jedoch war den deutschen Kolonien, insbesondere in Afrika, nur eine Dauer von gut 30 Jahren, von 1884 bis 1914/1918, beschieden, die deutschen Kolonialgebiete machten nur ca. 4 Prozent der weltweiten Kolonialgebiete aus und dort lebten nur ca. 25000 Deutsche.

 

Während Bismarck für Kolonialpolitik wenig übrig hatte, aber „Schutzgebiete“ für deutsche Kaufleute als sinnvoll ansah, betrieb Kaiser Wilhelm II. unter dem Motto „einen Platz an der Sonne für Deutschland“ eine expansive Kolonialpolitik. Die durch drakonisches Vorgehen provozierten und blutig mit tausenden von Toten niedergeschlagenen Aufstände in Namibia und Tansania (1904 Herero-Aufstand und 1905 Magimagi-Aufstand) führten im Reich zu heftigen politischen Auseinandersetzungen; mit den Stimmen von SPD und Zentrum wurde der dafür vorgesehene Nachtragshaushalt abgelehnt, so dass der Reichstag aufgelöst wurde und es zu den sog. Hottentotten-Wahlen 1907 kam.

 

In der Folge verlegte sich die deutsche Kolonialpolitik auf die Verbesserung der Lebensbedingungen der Eingeborenen durch Bau von Schulen, Krankenhäusern und Infrastruktureinrichtungen wie Straßen und Eisenbahnen. Im ersten Weltkrieg musste Deutschland in Afrika in allen Kolonien bis auf Ostafrika, wo General Lettow Vorbeck, der „Löwe von Afrika“ bis 1918 unbesiegt blieb, Niederlagen hinnehmen.

 

Mit dem Versailler-Vertrag wurden 1920 alle deutschen Kolonien Mandatsgebiete des Völkerbundes; die deutschen Siedler mußten die Gebiete verlassen. In der Zwischenkriegszeit war es der damalige Kölner OB Konrad Adenauer, der als Vizepräsident der Deutschen Kolonialgesellschaft die Wiedergewinnung von Kolonien propagierte.

 

Hitler gründete 1933 den Reichbund für deutsche Kolonien, der bald zwei Millionen Mitglieder zählte; mit der Entfesselung des 2. Weltkrieges konzentrierte sich sein Expansionsdrang jedoch auf den Osten Europas. Die Lebensbedingungen in den deutschen Kolonien waren für die Eingeborenen grausam (z.B. Nilpferdpeitsche/Hand abhacken bei Diebstahl) und hart (Zwangsarbeit, Erziehung zur Plantagenarbeit); K.Peters in Tansania: „Der Neger ist der geborene Sklave“. Den deutschen Siedlern waren Mischehen verboten, im Reich wurden junge Frauen angeworben und ausgebildet, um in die Kolonien zu gehen.

 

Die christlichen Kirchen waren mit ihren verchiedenen Missionsgesellschaften vor Ort;neben der Missionierung traten sie gegen die gewaltsame Unterdrückung auf, sorgten sich um Schulen und Kranke und propagierten in Deutschland, „man müsse den Heidenkindern helfen“.

 

Anfang der 60er Jahre waren alle vormals deutschen Kolonialgebiete unabhängig geworden. Die deutsche Entwicklungshilfe - vom ersten deutschen Bundeskanzler Adenauer vorangetrieben, erster Bundesminister dafür war der spätere Bundespräsident Walter Scheel - richtete sich bei der Mittelverteilung in großen Teilen an den aus der Kolonialzeit stammenden historischen Beziehungen aus und wurde als Hebel zur Durchsetzung der sog. Hallstein-Doktrin (keine Anerkennung der DDR durch andere Staaten) genutzt.

 

Prof. Bohnet erläuterte an den Beispielen Kamerun (ca. 6000 Studenten von dort studieren in Deutschland), Togo (Togolesisches Militär wird in Bundeswehr-Einrichtungen geschult), Tansania und vor allem Namibia die Rückwirkungen der deutschen Kolonialzeit auf Deutschland und die deutsche Politik. Die Niederschlagung des Herero- und Nama-Aufstandes 1904 in Namibia war, so 2015 er damalige BT-Präsident Lammert, nach heutigen Maßstäben Völkermord. Alle Bundesregierungen haben zwar seit 1988 die historische Verantwortung Deutschlands für die damaligen Geschehnisse anerkannt, lehnen jedoch strikt eine förmliche Entschuldigung, juristische Verantwortung und Reparationen ab. Seit vier Jahren führt die Bundesregierung aber Geheimverhandlungen mit der Regierung von Namibia und Herero-Organisationen, um über eine besondere Entwicklungszusammenarbeit der deutschen politischen Verantwortung gerecht zu werden.

 

Seit einer Grundsatzrede des französischen Präsidenten 2017 in Afrika: „Das afrikanische Erbe darf kein Gefangener europäischer Museen bleiben“ wird in Frankreich und zunehmend in Deutschland die Restitution kultureller Güter an die vormaligen Kolonialgebiete kontrovers diskutiert. Diese Frage ist - so Prof. Bohnet - von großer Tragweite, weil sich ca. 90 Prozent der afrikanischen Kulturgüter in Europa befinden.

 

In Deutschland hat diese Frage durch die beabsichtigte Ausstellung der ethnographischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz im sog. Humboldt-Forum im wieder aufgebauten Berliner Schloß besondere Bedeutung bekommen, während die anderen vormaligen europäische Kolonialstaaten sich dieser Problematik noch nicht stellen. Hier sieht Prof. Bohnet eine Fülle von ungelösten Fragen, angefangen bei der Differenzierung zwischen Raubkunst, geschenkter Kunst und gehandelter Kunst bis hin zu den Fragen, an wen heute zurückgeben und ließe sich ein Modell gegenseitiger, zeitlich und örtlich wechselnder Ausleihen realisieren?

 

An den Vortrag schloss sich eine längere Diskussion zu verschiedenen Aspekten der deutschen Kolonialgeschichte sowie zu den aktuellen Verhältnissen in Afrika (etwa zum chinesischen Einfluss sowie zur Geburtenregulierung) an, in welcher Michael Bohnet mit kenntnisreichen und erschöpfenden Antworten beeindruckte. Der Vorsitzende der LESE, Johann Hahlen lud abschließend mit dem Lessing-Gedicht „Eine Gesundheit“ zu weiteren Gesprächen bei einem Glas Wein ein:

„Trinket, Brüder, laßt uns trinken

Bis wir berauscht zu Boden sinken;

Doch bittet Gott den Herren,

Daß Könige nicht trinken.

 

Denn da sie unberauscht

Die halbe Welt zerstören,

Was würden sie nicht tun,

Wenn sie betrunken wären?“