Faszinierende Frauen am Juniorentisch - "Von der femme fragile zur tüchtigen Person" - Fontanes Frauengestalten

Um die literarischen Frauengestalten im Werk Theodor Fontanes, dessen 200. Geburtstag sich am 30. Dezember d. J. jährt, ging es jetzt in einem Vortrag des Junioren-Tischs. Dr. Arnold E. Maurer trug Auszüge aus einem Text seiner Frau Dr. Doris Maurer (+ 2014) vor. Der Titel des Vortrags: „Von der femme fragile zur tüchtigen Person."

Fontane bekennt, dass seine Frauengestalten, denen seine ganze Sympathie gehört, „alle einen Knax weghaben“: „Gerade dadurch sind sie mir lieb, ich verliebe mich in sie, nicht um ihrer Tugenden, sondern um ihrer Menschlichkeiten, d. h. um ihrer Schwächen und Sünden willen.“

Diese Figuren sind vielfach wesentlich farbiger und differenzierter angelegt als die männlichen Protagonisten seiner Romane. Sie scheitern (wie letztlich ja auch die „Männer“) am „Gesellschaftsgötzen“, an sozialen Zwängen, Rollenerwartungen, Vorurteilen.

Ein „Angstapparat aus Kalkül“, den ihr Ehemann Geert von Instetten in „Effi Briest“ zur Lenkung seiner jungen Ehefrau aufbaut, bleibt ohne Wirkung. Effi Briest fällt dem „Damenmann“ Crampas gleichsam zu. Als kompromittierende Briefe gefunden werden, kommt es bekanntlich zu einem Duell, in dem Crampas stirbt. Der „Gesellschaftsgötze“ fordert sein Opfer. Effi wird marginalisiert, das eigene Kind ihr entfremdet. „Am Ende verlöscht Effi, sie darf sterben, aber ihre letzten, scheinbar versöhnlichen Worte, gestaltet Fontane als Anklage gegen die Gesellschaft, der Effi zum Opfer fiel“, heißt es im Vortragsscript.

In „Frau Jenny Treibel“ setzt sich das Besitzbürgertum in Gestalt der titelgebenden Protagonistin durch und weiß die Heirat ihres willensschwachen Sohnes Leopold mit der resoluten Corinna Schmidt, Tochter eines Gymnasiallehrers, zu verhindern. Der soziale Aufstieg durch Heirat, den Jenny Treibel hinter sich hat, wird Corinna durch Jenny verwehrt. Der Roman ist eine geballte Anklage gegenüber dem bornierten, selbstgefälligen Bürgertum, das „von Schiller spricht und Gerson [Gerson von Bleichröder, namhafter Bankier der Zeit] meint“ (Fontane).

Lene Nimptsch in „Irrungen, Wirrungen“ wiederum ist von Anfang an klar, dass ihre Beziehung zu Baron Botho von Rienäcker nicht von Dauer sein kann, so rein, unvoreingenommen und beglückend sie gelebt wird. Die Verbindung von Weißnäherin und adligem Offizier könnte bestenfalls in Amerika Bestand haben. Am Ende muss Botho sich um den Bestand seines Gutes kümmern und heiratet eine reiche Verwandte. Auch Lene ist ein Opfer des „Gesellschaftsgötzen“, aber: „Wenn ich nun dafür bezahlen muss, so zahle ich gern“, lässt Fontane sie sprechen.

„Mathilde Möhrig“ schließlich (dieser Roman erschien posthum) plant konsequent ihren gesellschaftlichen Aufstieg, kümmert sich um den „Schlappier“ Hugo Großmann, hilft ihm durch Studium und Examen, besorgt ihm eine Stelle als Bürgermeister und betreibt im Hintergrund Lokalpolitik. Als Hugo das macht, was er kann, elegant Schlittschuhlaufen, zieht er sich eine Lungenentzündung zu und stirbt. Mathilde ist frei und erfüllt sich „Wunsch Nr. 2“: sie geht nach Berlin zurück und macht das Lehrerinnenexamen: „Sie ging mutig ans Werk (…) Das seitens der Schuldeputation in sie gesetzte Vertrauen hat sie gerechtfertigt.“

Die vier exemplarisch behandelten literarischen Frauengestalten bestätigen Fontanes Diktum, das er allerdings einer Frau, Ebba Rosenberg in „Unwiederbringlich“, in den Mund legt: „Ich sehe nicht ein, warum wir uns immer um die Männer oder gar um ihre Schlachten kümmern sollen; die Geschichte der Frauen ist meist viel interessanter.“ (A.M./e.B.)