Ein "Hotspot des overtourism" - Dr.Arnold E.Maurer beleuchtet Venedig

(e.B./de) Endlich hatte die lange Zeit des Wartens ein Ende. Exact 30 Zuhörer ( der Kreis der Besucher war aufgrund der CORONA – Vorschriften entsprechend begrenzt) konnte der Vorsitzende der LESE Dr.Ulrich Spindler jetzt anläßlich der Wiederaufnahme der Vortragsveranstaltungen der Gesellschaft im großen Saal des Hauses der ev. Kirche begrüßen.

 

 Der Referent des Abends, Lesemitglied Dr. Arnold E. Maurer widmete seinen Vortrag „Soziale und wirtschaftliche Probleme im heutigen Venedig“ einem „hotspot des ouvertourism“.

 

 

 

Auch in Venedig führte die Corona-Pandemie zu einem Lock-down und zeigte den Bewohnern ein „anderes Venedig“, das freilich selten unbelebt wirkte. Aber man verstand (einmal mehr), dass man sich auf seinen 16 Quadratkilometern im Centro Storico nicht 25 Mio. Touristen pro Jahr aussetzen müsse, die die Stadt in einen Stress-Zustand (ja auch unter den Touristen selbst) versetzten, der ziviles städtisches Leben unmöglich macht. Wer nicht im Tourismus arbeitet oder in dieser Branche wirtschaftliche Interessen verfolgt, fragt sich unwillkürlich, ob dies noch „seine“ Stadt sein könne. So existieren viele politische Initiativen, die eine Redimensionierung des Tourismus verlangen („slots“ für den Besuch etwa), um die Stadt wieder lebenswerter zu gestalten.

 

Venedig ist „eigentlich“ eine zutiefst menschliche Stadt, enges Zusammenleben fördert auch den sozialen Austausch, das Gespräch auf der Gasse gelang, störender Straßenverkehr fehlte. Dafür nahm man Enge, schlechte Durchlüftung, oft unkomfortable und „verbaute“ Wohnungen, hohe Mieten, insbesondere auch „lange Wege“ in der Stadt (und sei es vom Lido zum Bahnhof Santa Lucia) in Kauf. Aber wenn die Einwohner (es sind noch ca. 50.000) ihre Stadt selbst nur noch als ausgebeutete Kulisse wahrnehmen, die vielfachen wirtschaftlichen Interessen nützt, nicht aber ihren ureigenen Interessen, dem bürgerlichen Zusammenleben und Austausch, dann wird es – bei aller Schönheit und Einzigartigkeit („… schönste Stadt der Welt“) – „eng“. Ökologische Probleme in der die Stadt umgebenden Lagune, die (noch ungeprüfte) Effektivität des Projekts Mo.S.E. (der Abschlussdeiche gegen eine Sturmflut an den drei Öffnungen zum Meer hin), lassen Perspektiven der „Durchlauchtigsten“ (La Serenissima) „mehr als düster“ erscheinen.

 

Man merkte den Ausführungen an, wie eng Maurer Venedig verbunden ist, hat er doch die Stadt bei einem zweijähriger Forschungsaufenthalt am Deutschen Studienzentrum in Venedig/ Centro Tedesco di Studi Veneziani mit allen Facetten kennen gelernt. Die Zuhörer dankten es ihm mit lebhaftem Beifall.