In festlichem Ambiente im Restaurant auf der Godesburg beging die Lese- und Erholungsgesellschaft von 1787 zu Bonn jetzt ihr diesjähriges Stiftungsfest. Der Abend bot neben einem beeindruckenden Blick auf das beleuchtete Bad Godesberg die Möglichkeit zum Rückblick auf über zwei Jahrhunderte Geschichte sowie musikalische und kulinarische Höhepunkte.
Der neue Vorsitzende, Klaus Meyer-Teschendorf, eröffnete die Feierlichkeiten und begrüßte über 50 Gäste, unter ihnen vier neue Mitglieder. Höhepunkt des Abends war die feierliche Verleihung der goldenen Ehrennadel der Gesellschaft an Otto Zickenheiner. Die LESE würdigte damit Zickenheiners hervorragende Verdienste um die Gesellschaft, insbesondere seine langjährige Organisation der beliebten traditionellen Neujahrskonzerte sowie die Leitung des Singekreises.
Der Abend bot in vielen Gesprächen Anlass zu einem Rückblick: Wie kam es zur Gründung der Gesellschaft, und wie konnte sie sich über einen so langen Zeitraum lebendig erhalten? Zurück in die Zeit der Aufklärung. Unter dem Protektorat des Kurfürsten Max Franz gründeten im Jahr 1787 zunächst 35 Bonner aus Hofstaat, Regierung, Verwaltung, Musik und Universität die Gesellschaft. Getragen von dem Gedanken, dass Bildung den Menschen glücklicher mache, arbeiteten sie an sich selbst und wirkten bildend auf ihre Mitmenschen ein. Dabei waren die ständischen Unterschiede der Zeit in der Lese aufgehoben. Mit dieser sozialemanzipatorischen Ausrichtung wurde die Gesellschaft, ähnlich wie andere deutsche Lesegesellschaften, zu einem Meilenstein in der Entwicklung des Parlamentarismus in Deutschland.
Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts wandelte sich die Lese von einer zunächst politischen zu einer kulturellen Vereinigung und fusionierte mit mehreren ähnlichen Bonner Gesellschaften. Impulse für einen starken Mitgliederzustrom gaben die wiedereröffnete Universität, das neue Königliche Oberbergamt sowie das Offizierskorps der preußischen Garnison. Bis zum Ersten Weltkrieg etablierte sich die Lese als die gesellschaftliche Institution der Stadt, was zahlreiche Protokolle, Berichte über Bälle und Rezensionen belegen. Auch der Zeitgeist spiegelte sich wider: Nach der Reichsgründung 1870/71 hielt ein patriotischer Akzent Einzug, wenngleich liberale Strömungen innerhalb der Gesellschaft bestehen blieben.
Nach 1918 sah sich die Lese oft als geistiger Widerpart der Besatzungsmacht. Während der NS-Zeit entfernte sich die Gesellschaft durch die Umstellung auf das Führerprinzip zwar am weitesten von ihrem Ursprung, sicherte dadurch jedoch ihr Fortbestehen. Nach 1945 profitierte die Lese von der Hauptstadtfunktion Bonns, gewann Mitglieder aus den Ministerien und profilierte sich erneut als betont kulturelle Vereinigung.
Unter großem Beifall fasste der Vorsitzende die historische Betrachtung zusammen: „In 230 Jahren haben sich Ziele und selbst gesetzte Aufgaben der Lese gewandelt, aber das Gefühl dazu zugehören, ein Mitglied dieser traditionsreichen Gesellschaft zu sein, hat über die Jahrhunderte und Generationen hinweg in Bonn etwas Identitätsstiftendes behalten.“
Harmonischer Ausklang
Neben den historischen Erinnerungen genossen die Gäste kulinarische Leckerbissen aus der Küche und edle Tropfen aus dem Keller der Godesburg. Musikalisch untermalt wurde der Abend durch den Romanisten und prämierten Musiker Prof. Dr. Helmut Jacobs, der die Gesellschaft mit schwungvollen Melodien und virtuosen Charakterstücken auf seinem Akkordeon erfreute.
Insgesamt setzte der Abend die lange Tradition stilvoller und harmonischer Stiftungsfeste in ansprechendem Ambiente und bei anregenden Gesprächen erfolgreich fort. (de/AI)Archiv)
