Erinnerungen an die Schriftstellerin Irmgard Keun - Gedenktafel an ihrer Bonner Wohnung enthüllt - LESE als Sponsor - Ansprache zur Enthüllung von Cav.Dr.AE Maurer im Wortlaut

(e.B.) Mehrere Mitglieder der Bonner Lese- und Erholungs-Gesellschaft verfolgten kürzlich in Bonn die Einweihung einer Gedenktafel für die Schriftstellerin Irmgard Keun an deren ehemaligem Wohnort in der Breiten Straße 115. Die Bonner LESE gehört zu den Sponsoren dieser Tafel in deutscher und englischer Sprache, die, mit Hinweis auf die Romane der Autorin aus den Dreißigerjahren („Gilgi – eine von uns“, 1931, und „Das kunstseidene Mädchen“, 1932), auf deren frühen Ruhm, ihr Exil und die Wiederentdeckung der Autorin in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts, deren Bedeutung hervorhebt.

An der Festveranstaltung nahmen auch Martina Keun-Geburtig, Tochter der Schriftstellerin (Mainz), und Birte Schrein, Schauspielerin am Theater Bonn, die „Das kunstseidene Mädchen“ in einer Theaterfassung an zahllosen Abenden aufführte, teil.

Fotos: Spindler

 

Die Rede des Initiators der Tafel, unseres Lesefreundes Cav. Arnold E. Maurer veröffentlichen wir nachfolgend im Wortlaut.


Rede anlässlich der Enthüllung der Gedenktafel für die Schriftstellerin Irmgard Keun (1905 – 1982) am Haus Breite Straße 115 in Bonn am 10. 3. 2020, gehalten von A. E. Maurer


Sehr geehrte Damen und Herren!

Liebe Freundinnen und Freunde!

Dass wir uns heute hier in Anwesenheit von Frau Keun-Geburtig, der Tochter der Schriftstellerin, die aus Mainz angereist ist, zur Enthüllung einer Gedenktafel für Irmgard Keun treffen, geht eigentlich auf ein bestimmtes Foto zurück, dass Irmgard Keun mit dem Blumenhändler, Herrn Kau, vermutlich am 200 Meter entfernten Wilhelmplatz zeigt. Herr Kau stand mit seinem Karren aber auch – gegen Ende des Geschäfts, wenn er noch nicht alle Nelken verkauft hatte - auf dem Friedensplatz am Eingang zur Sternstraße. Dieses Foto, enthalten in Jürgen Serkes Band „Die verbrannten Dichter“, zeigte mir als Student der Literaturwissenschaft, dass Irmgard Keun in dieses Viertel gehörte.

Meine verstorbene Frau Doris Maurer befasste sich Mitte der Siebzigerjahre dann intensiv mit Exilliteratur, schrieb in der Folge auch Sendungen zum Thema und besprach in Literaturzirkeln die Werke Irmgard Keuns. So erfuhr ich am häuslichen Frühstückstisch eine Menge über die herausragende Bedeutung Irmgard Keuns und kam zu dem Schluss, dass an ihre Wohnung „irgendwann“ eine Gedenktafel gehöre.

2012 erhielt der italienische Dramatiker und Romancier Luigi Pirandello, Nobelpreisträger für Literatur (und ehemaliger Bonner Student), in dieser Straße (nämlich am Haus Breite Straße 83), initiiert durch die – leider ebenfalls schon verstorbene – Malerin Deva Wolfram eine Gedenktafel in deutscher und italienischer Sprache, letzter Anstoß zur Idee, dass es für eine Tafel für Irmgard Keun nun aber höchste Eisenbahn sei. Bei den vielen ausländischen Gästen, die während der Kirschblüte durch diese Straßen fluten, war bald klar: die Tafel muss zweisprachig sein (deutsch-englisch). „The artificial Silk Girl“ klingt zudem auch ein bißchen trendig, die zweisprachige Tafel war geboren, nachdem die zu Pirandello schon in italienischer und deutscher Sprache abgefasst war.

Und - siehe da - nach 40 Jahren hängt sie (dem Zeitgeist folgend: zweisprachig) dort, wo sie hingehört. Und wird bald (also in den nächsten 2 Wochen) durch eine aus Glas ersetzt werden und dann strahlen wie die Pirandello-Tafel. Hier nochmals der Text der Tafel für Irmgard Keun (wir stehen aus Sicherheitsgründen etwas abseits):

Die Schriftstellerin Irmgard Keun (1905 – 1982) wohnte von 1975 bis zur Mitte des Jahres 1977 in diesem Haus. Ihr verdanken wir bedeutende Romane der Neuen Sachlichkeit: „Gilgi – eine von uns“ (1931), „Das kunstseidene Mädchen“ (1932). Die Nationalsozialisten verboten ihre Texte. 1936 ging Irmgard Keun in die Emigration. In den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts wurde sie als Autorin wiederentdeckt.

From 1975 to mid-1977 German author Irmgard Keun (1905-1982) lived in this house. She was one of the most important novelists from the "New Objectivity" era with works such as “Gilgi – One of Us” (1931) and “The Artificial Silk Girl” (1932). Her books were banned by the Nazis, causing her to flee Germany in 1936. She was rediscovered as an author in the 1970s.

Dass es nun so weit gekommen ist, verdanken wir zum einen dem Hausbesitzer, der unkompliziert sein Plazet zur Anbringung der Tafel gab, zudem zwei Vereinen, die – neben privaten Sponsoren – das Vorhaben mit finanzierten: dem Bonner Heimat- und Geschichtsverein, vertreten durch Herrn Richard Hedrich-Winter und der Bonner Lese- und Erholungsgesellschaft, vertreten durch Herrn Dr. Ulrich Spindler.

Herzlich danken möchte ich auch Frau Dr. Almut Voß vom Literaturhaus Bonn für die Beratung, Dr. Nicole Meier, Kustodin am Englischen Seminar der Universität Bonn, für Hilfe bei der Übersetzung der Tafel, der Schauspielerin Birte Schrein für Ihre Lesung aus „Das kunstseide Mädchen“, für die sie nach vielen Aufführungen (es ist ein Einpersonenstück nach dem Roman von Irmgard Keun) am Stadttheater Bonn bekannt ist und die wir gleich mit dem Beginn des Theatertexts hören werden, und Martina Keun-Geburtig, die uns auch ein wenig von diesem Haus erzählen kann, in dem sie ihre Mutter besuchte.

/Frau Keun-Geburtig/ Stichwort: Betten Schwan

Wer war Irmgard Keun?

Irmgard Keun wurde 1905 in Berlin geboren und starb 1982 in Köln. Ihre Karriere als Schriftstellerin begann mit vorgeblich schnoddrig geschriebenen Romanen über das Großstadtleben (Köln/Berlin): „Gilgi – eine von uns“ (1931) und – noch bekannter – „Das kunstseidene Mädchen“ (1932), geschrieben aus der Perspektive einer jungen Frau, die unbedingt gesellschaftlich aufsteigen will. Ihr direkter Stil, Ausdruck der Epoche der Neuen Sachlichkeit, die dargestellten Probleme und der Umgang damit (Liebe, Beziehungs-Dinge, Armut, Überleben in der Großstadt) faszinierten damals wie sie es heute tun. Nicht zuletzt der Humor der Protagonistin, der mit den miesen gesellschaftlichen Bedingungen konkurriert, machten die junge Irmgard Keun (sie war bei Erscheinen von „Gilgi“ 26 Jahre alt) schnell berühmt.

Die Karriere der Schriftstellerin wurde durch den Aufstieg des Nationalsozialismus jäh beendet. Ihre Romane erschienen nach 1933 auf Listen verbotenen Schrifttums, Irmgard Keun war ihrer wirtschaftlichen Grundlagen beraubt, stand zudem unter Beobachtung. 1935 entschloss sie sich zur Emigration und ging nach Ostende/Belgien. Dort traf sie zahlreiche berühmte Kollegen, die ebenfalls Deutschland verlassen hatten: Egon Erwin Kisch, Ernst Toller, Hermann Kesten, Stefan Zweig und Joseph Roth, zu dem sie eine Liebesbeziehung unterhielt und mit ihm Teile des noch „freien Europa“ (Brüssel, Zürich, Wien, Lemberg etc.) bereiste. Joseph Roth, berühmter Journalist und Romancier („Hotel Savoy“, „Hiob“, „Radetzkymarsch“) starb 1939 in Paris. Dass Irmgard Keun Selbstmord verübt haben sollte, wie eine englische Zeitung berichtete, wird ihre Rückkehr nach Köln, mit falschen Papieren ausgestattet, vermutlich erleichtert haben. Nach 1940 folgte ein Leben im zerbombten Köln in der Illegalität, verbunden mit der ständigen Angst, entdeckt und verhaftet zu werden. Von 1943 an lebte Irmgard Keun mit ihren Eltern (man war „ausgebombt“) in Bad Hönningen und erlebte dort auch das Kriegsende.

Irmgard Keun lebte zeitweilig (1975 bis Mitte 1977, so das städtische Melderegister, anders das Adressbuch der Stadt Bonn) im Haus gegenüber - verarmt - in der Breite Straße 115. Bedrückende Zeugnisse aus dieser Bonner Zeit finden sich im Buch „Einmal ist genug“, hrsg. von Heike Beutel und Anna Barbara Hagin (s. insbesondere den Beitrag des Theologen und damaligen Pfarrers an der Kreuzkirche, Joachim Mehlhausen). Auch Wilhelm Unger, Kölner Journalist und Förderer Irmgard Keuns, schreibt in seinem Nachwort zu einer Neuauflage von „Wenn wir alle gut wären“ (1983) über seine Besuche hier an diesem Ort und war „not amused“.

Ende der Siebzigerjahre wurde Irmgard Keun wiederentdeckt. „schreibende Frauen“ interessierten nicht nur feministische Kreise (Irmgard Keun war keine Feministin, doch eine spezifische Frauen-Sicht auf die Dinge trug auch ihre Texte voran). Das Thema „Exilliteratur“ gelangte überhaupt erst in den Blick von Forschung und Lesepublikum. Und obwohl Irmgard Keun keine „Exilierte“ im eigentlichen Sinne war, fanden ihre Texte, die ja das Exil in vielfältiger Form ausleuchten (s. insbesondere den Roman „Kind aller Länder“) Beachtung und erreichten beträchtliche Auflagen. Die Romane wurden wieder rezipiert, der Autorin ging es in der Folge auch wirtschaftlich besser. Sie zog 1977 nach Köln.

Ganz zuletzt (2014) wurde sowohl in Belgien als auch in Deutschland die literarische Bedeutung Ostendes als Exilort wieder betont, so wurde abermals an Irmgard Keun erinnert.

/Lesung Birte Schrein aus (Greiffenhagen:) Das kunstseidene Mädchen/

Worin liegt Irmgard Keuns literarische Bedeutung?

Irmgard Keuns Schaffen wird im Allgemeinen in drei Phasen geteilt: die Periode der ausgehenden Weimarer Republik, zu der auch das „Kunstseidene Mädchen“ gehört, die Phase des Exils und die Nachkriegszeit, in der die Autorin für Zeitungen und den Rundfunk arbeitete, ihrer Linie treu blieb und den Zeitgenossen, den gewendeten und verdrängenden Nazis, den Spiegel vorhielt. Auch das sind Zeitbilder von ungeheurer Ehrlichkeit und Direktheit, in denen sie mitleidlos gegen die kollektive Verdrängung, ja auch eine Umdeutung der Geschichte anschrieb. Sicherlich, ohne weite Kreise zu erreichen.

Ihre Texte zum Exil, ich denke insbesondere an ihren Roman „Kind aller Länder“, macht uns mit allen Wirrnissen des Exils vertraut: dem fehlenden Geld, der Heimatlosigkeit, dem Streben nach Aufträgen, den Verhandlungen mit den Exilverlegern, dem ewigen Suchen nach Vorschüssen, den guten und „schlechten“ Kellnern, den guten und schlechten Hotels für die Exilierten.

Die Romane der ausgehenden Weimarer Republik „Gilgi, eine von uns“, „Das kunstseidene Mädchen“ lassen sich natürlich auch als Zeitdokument lesen, als Romane auf die große Stadt Berlin im Fall des „kunstseidenen Mädchens“, in der es so schwer ist, sich zu etablieren, als Roman über die ewige Sehnsucht nach Liebe und die Fallstricke des Sex, die die Erzählerin durchschaut, ausnutzt oder auszuschalten weiß. „Tiefe Menschlichkeit“, das ist vielleicht ein Stichwort, das ihr Schreiben durchzieht, ein Verstehen, ohne zu verurteilen, mit einem gelegentlich sentimentalischen Blick auf die Sache verbunden. Überleben zählt, Gefühl (Liebe) aber auch (selbstverständlich).

Irmgard Keun benutzt dabei eine Sprache, die – bestimmt konstruiert, ob in jedem Fall durchgeplant oder nicht – gelegentlich einem Girly-Jargon entspricht, vor Verknappungen, Auslassungen, Wort-Neuschöpfungen, ungewohnten Verbindungen gedanklicher und sprachlicher Art keine Angst hat (so mit Verknappungen arbeitet, dass sich der Leser seinen Teil – erfreulicherweise – denken kann). Das wirkt alles direkt, authentisch, verlangt nicht nur, die gedanklichen Leerstellen zu füllen, es greift den Leser auch unmittelbar an, attackiert ihn, seine Idee von Gesellschaft und seine Moralvorstellungen. Darf man das, darf man so weit gehen (und Irmgard Keun ist in ihren Texten erzählerisch-inhaltlich sehr weit gegangen)? Das sind ja keine betulichen Heimatromane.

Ich wundre mich, dass Irmgard Keun nicht gerade ihre vierte Renaissance erlebt, bei der Diskussion um Geschichte und Bedeutung der Weimarer Republik für die Bundesrepublik in unseren Medien, dem Prekariat in unserer Gesellschaft (die prekäre Situation ökonomisch nicht etablierter Menschen, die ihren Platz suchen), die „Flüchtlingsfrage“, die sich ja mit der Frage nach dem Exil in gewisser Weise verbindet.

In den Kanon hat es Irmgard Keun geschafft, 2 x war sie schon in Deutschprüfungen der Länder im Zentralabitur, half Goethe (nichts gegen Goethe, insbesondere seine Lyrik) verdrängen (ein Abitur ohne Goethe, „oh Gott“), aber bestimmt haben die Leser ihren Spaß an der sprachlichen und intellektuellen Herausforderung genossen, so (zeitgebunden und gleichzeitig zeitlos) zu schreiben und die Probleme der Zeit so zu bennen, wie Irmgard Keun das konnte.

© Arnold E. Maurer, Bonn 2020