"Ohne Kirche kein friedlicher Sieg über Diktatur und Stacheldraht?"- Ein Vortrag der ehemaligen Ministerpräsidentin von Thüringen Dr.Christine Lieberknecht

(J.H.) Es war ein besonderer, leider nur schwach besuchter Vortrag - unter den rund 40 Zuhörern stellten die LESE-Mitglieder gut die Hälfte - der kürzlich in Kooperation von Evangelischem Forum Bonn, einem Bonner ökumenischen Gesprächskreis, der Stadtbibliothek sowie der LESE in dem schönen Vortragssaal des Hauses der Bildung (mitten in Bonn) stattfand.

Der Berichterstatter hatte die frühere Thüringische Ministerpräsidentin (von 2009 bis 2014) Christine Lieberknecht aus Anlaß „30 Jahre Fall der Mauer“ zu einem Vortrag nach Bonn eingeladen.

Christine Lieberknecht, Jahrgang 1958, stammt aus einem evangelischen Pfarrhaus in der DDR, hat in Jena evangelische Theologie studiert, war von 1984 bis 1990 Pastorin in ländlichen Gemeinden bei Weimar, gehörte dann bis 2019 dem Thüringischen Landtag an und war vor ihrer Zeit als Ministerpräsidentin lange Jahre in Thüringen Kultusministerin und Präsidentin des Landtages.

Ihren Vortrag hatte die Referentin mit der Frage überschrieben: „Ohne Kirche kein friedlicher Sieg über Diktatur und Stacheldraht?“ In vier Abschnitten (zur Historie der Kirchen im geteilten Deutschland, zur Dynamik des Jahres 1989, mit Beispielen für die lokalen Bürgerbewegungen 1989 sowie einer kurzen Zusammenfassung) schilderte sie - lebhaft und aus eigener Anschauung - den Beitrag der beiden christlichen Kirchen zur friedlichen Revolution und zum Mauerfall in der DDR.

Ausführlich beschrieb Lieberknecht, wie insbesondere die Evangelische Kirche gleich nach dem zweiten Weltkrieg, dann nach 1949, als sich zwei Staaten in Deutschland bildeten, und später nach dem Mauerbau 1961 zur „geistig-kulturellen Klammer“ für das geteilte Deutschland wurde und über vier Jahrzehnte blieb: Angefangen bei der 1949 in Eisenach beschlossenen Grundordnung der EKD, über die Aussage des Rates der EKD: „Wir bleiben ein Volk“ sowie die gesamtdeutschen Kirchentage 1951 in Berlin und 1954 in Leipzig. Vor allem durch die vielen Patenschaften von Gemeinde zu Gemeinde über die innerdeutsche Grenze hinweg und die damit verbundenen fortdauernden, tausendfachen persönlichen Begegnungen sei der Gedanke der deutschen Einheit lebendig geblieben. In diesem Zusammenhang seien auch die beträchtlichen materiellen Hilfen (ca. 1,3 Mrd. DM im Laufe der Jahre über das diakonische Werk) von West nach Ost zu sehen. Obwohl nach der DDR-Verfassungsreform von 1968 dort der Evangelische Kirchenbund gegründet worden sei, habe man besonders auf Gemeindeebene weiter in Partnerschaften mit evangelischen Einrichtungen im Westen gelebt. Die unzähligen persönlichen Kontakte hätten bei den Menschen in Ost und West zu einer „Entglorifizierung des Westens“ bzw. „Entdämonisierung des Ostens“ beigetragen. In den 80er Jahren sei vielen Bürgern in der DDR die Bedrohung durch atomare Kriegsführung bewusst geworden. So habe sich eine eigenständige Orientierung zu Gewaltlosigkeit, zu Abrüstung und Umweltschutz entwickelt. Diese Bestrebungen hätten dann vor Ort mit Friedensgebeten und in ganz heterogenen Kleingruppen, etwa zum Umweltschutz, in den evangelischen Gemeinden eine Heimat gefunden.

Die katholische Kirche habe etwa durch das Festhalten an den alten Grenzen der Diözesen den Gedanken der deutschen Einheit hochgehalten. Zwar sei die katholische Kirche zahlenmäßig in der DDR eine „Randexistenz“ gewesen, doch habe sie mit der Verweigerung der Jugendweihe und insbesondere mit der Botschaft des polnischen Papstes Johannes-Paul II. an seine polnischen Landsleute von 1979 „Habt keine Angst!“, nicht nur den Christen, sondern vielen Menschen in der DDR Mut gemacht, sich gegenüber der kommunistischen Staatsmacht zu behaupten.


Eindringlich und mit Beispielen aus eigenem Erleben berichtete Frau L., wie sich in der DDR im Jahr 1989 zunächst eine dynamische und dann revolutionäre Entwicklung vollzogen habe, die jedoch - was man nur als ein Wunder bezeichnen könne - insgesamt friedlich verlaufen sei, wenn man von vereinzeltem gewaltsamen Vorgehen der Volkspolizei gegen Demonstranten im Herbst 1989 absehe. Ausgangspunkt sei wohl die DDR-Wahl am 7. Mai 1989 gewesen: Örtlich hätten sich Gruppierungen zur Nominierung unabhängiger Kandidaten sowie zur Wahlbeobachtung gebildet. Einerseits hätten die Berichte dieser Gruppen über vielfache und erhebliche Wahlfälschungen durch die SED in der Öffentlichkeit für Aufsehen gesorgt und die Forderungen nach echter demokratischer Mitbestimmung und Freizügigkeit verstärkt. Andererseits hätten die zustimmenden Kommentare der SED-Führung, als die chinesische KP-Führung die dortige Demokratie-Bewegung im Juni (Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking) niedergeschlagen habe, die in Friedens- und Umweltgruppen engagierten Menschen in der DDR verschreckt. Die Angst, dass der DDR-Machtapparat ähnlich brutal gegen die sich bildenden Oppositionsgruppen vorgehen könnte, habe auch sie selbst bis ins Jahr 1990 nicht losgelassen. Schon vor und - intensiver - nach Öffnung der ungarischen Grenze und den Ausreisen der Botschaftsflüchtlinge aus Prag und Warschau habe es verbreitet heftige Diskussionen zwischen denen, die sich mit Ausreisegedanken trugen, und denen, die bleiben wollten, gegeben. Das alles habe sich Ende der 80er Jahre und bis in den Herbst 1989 hinein in kleinen und zum Teil kleinsten Gruppen in den Kirchengemeinden, bei Friedensgebeten und in Umweltgruppen vollzogen, getreu dem Bibelwort: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, …“. In diesen oft spontanen und wenig organisierten Gruppierungen habe man heiß und kontrovers diskutiert, wie die DDR demokratischer und freiheitlicher werden könnte. Über eine Wiedervereinigung habe da noch niemand gesprochen.

Viele - und auch sie selbst - habe die Sorge geplagt, wie die Staatsmacht auf solche Überlegungen reagieren werde und ob geheime Mitarbeiter der Staatssicherheit unter den Versammelten seien.

In diesen von Unsicherheiten, Hoffnungen und Befürchtungen geprägten Wochen und Monaten, hätten die evangelischen Gemeinden vor Ort - bis auf wenige Ausnahmen - den Bürgerrechtlern und Friedensaktivisten „Schutzräume“ geboten, in denen diese diskutieren, sich organisieren und vernetzen sowie nach außen wirken konnten. Insbesondere den dort aktiven Pfarrern sei es zu verdanken, dass die sich regenden Proteste friedlich blieben und sich von der Staatsmacht nicht provozieren ließen. Wie etwa in Plauen und dann in Leipzig geschehen, seien es vor allem Pfarrer gewesen, die in Verhandlungen mit den Parteisekretären und Bürgermeistern erreichten, dass die immer mehr Zulauf bekommenden Friedensgebete und die sich anschließenden Protestzüge durch die Straßen nicht gewaltsam aufgelöst wurden.

Während die SED-Organe das 40jährige Jubiläum der DDR vorbereiteten, hätten sich so zugleich erste Oppositionsgruppen, wie z.B. eine neue sozialdemokratische Partei, in der DDR bilden können. Sie selbst habe im September 1989 mit einigen anderen Mitgliedern der Ost-CDU in einem offenen Brief die Aufkündigung des Bündnisses mit der SED verlangt.

Erst allmählich, nach dem Fall der Mauer am 9. November 1989, dem Bekanntwerden des sog. 10 Punkte-Plans von BK Kohl und nach dessen Rede am 19. Dezember 1989 vor der Ruine der Frauenkirche in Dresden sei unter den Bürgerrechtlern und dann in der Bevölkerung die Forderung nach Wiedervereinigung laut geworden; gleichwohl habe es viele und ernst zu nehmende Stimmen gegeben, welche stattdessen einen Sozialismus mit menschlichem Gesicht in einer reformierten DDR anstrebten.

Für sie selbst, so Christine Lieberknecht, habe eine Begegnung mit dem damaligen hessischen Ministerpräsidenten, Walter Wallmann, zur Entscheidung geführt, in der CDU politisch aktiv für die Wiedervereinigung zu werden: Wallmann habe die noch bestehende DDR bereist, um Hilfsmöglichkeiten seines Bundeslandes zu erkunden. Dabei habe er die Versammlung mit der Bitte eröffnet, man möge doch gemeinsam betend Gott dafür danken, dass die Revolution in der DDR friedlich verlaufen sei und das Unrechtsregime ohne Blutvergießen überwunden werden konnte.

In Folge der vielfältigen „Hilfestellungen“ insbesondere der evangelischen Kirche für die Bürgerrechtsbewegungen in der DDR seien dann Ende 1989/ Anfang 1990 viele Pfarrer und Synodale in den zahlreichen „Runden Tischen“ sowie in den sich gründenden neuen politischen Gruppierungen beratend oder auch führend tätig geworden. So seien bei der ersten freien Volkskammerwahl am 18. 3. 1990 26 Pfarrer/Pfarrerinnen zu Abgeordneten gewählt worden.

Die Referentin beeindruckte, ja fesselte, weil sie nicht nur historisch berichtete, sondern ihre Zuhörer spüren ließ, was sie als Pfarrerin in der DDR, als engagierte Bürgerrechtlerin 1989 und später als Politikerin im neu gebildeten Freistaat Thüringen bewegte.

Aus der anschließenden, angeregten Diskussion mit der Zuhörerschaft erscheinen zwei Fragen wesentlich:

Die Aussage eines Zuhörers, die Spitzen der evangelischen Kirche in der DDR hätten sich schon lange und deutlich von dem Ziel eines wiedervereinigten Deutschlands verabschiedet gehabt, fand den heftigen Widerspruch eines anderen Zuhörers, während Christine Lieberknecht diplomatisch erläuterte, dass die Wiedervereinigung tatsächlich an der Gemeindebasis vitaler begrüßt worden sei als in den Leitungsgremien der Kirche.

Zur Einschätzung, dass die evangelische Kirche aus den in den Jahren 1989/1990 erworbenen Verdiensten in heutiger Sicht keine bleibende Ernte habe einfahren können, merkte sie an: In der veröffentlichten Meinung spiele die evangelische Kirche in der Tat keine große gesellschaftliche Rolle mehr, die Gemeindewirklichkeit sehe aber anders aus.