Toleranz findet sich in keinem Tugendkatalog - Arbeitskreis Aufklärung und Zeitgeist geht der Frage nach, was Toleranz ausmacht - Monsignore Schumacher als Gast

(ES) Mit Fragen der „Toleranz“ befasste sich kürzlich der Arbeitskreis „Aufklärung und Zeitgeist“ bei seinem letzten Treffen Den Grundstein der Diskussion legte der frühere Stadtdechant Monsignore Wilfried Schumacher mit einem Impulsreferat.

 

In ihrer Erklärung zu den Prinzipien der Toleranz habe die UNESCO 1995 hehre Worte gefunden: „Toleranz bedeutet Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt, unserer Ausdrucksformen und Gestaltungsweisen unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt. Gefördert wird sie durch Wissen, Offenheit, Kommunikation und durch Freiheit des Denkens, der Gewissensentscheidung und des Glaubens. Toleranz ist Harmonie über Unterschiede hinweg. Sie ist nicht nur moralische Verpflichtung, sondern auch eine politische und rechtliche Notwendigkeit. Toleranz ist eine Tugend, die den Frieden ermöglicht, und trägt dazu bei, den Kult des Krieges durch eine Kultur des Friedens zu überwinden.“

 

Diese heile Begriffswelt sehe sich indessen einer rauen Wirklichkeit ausgesetzt, die Karl Popper als Paradox der Toleranz bezeichnet hat. Die grenzenlose Toleranz schaufele sich nämlich ihr eigenes Grab, weil sie ihre intoleranten Gegner gewähren lässt, bis sie am Ende mundtot gemacht worden ist. Toleranz hat nur eine Überlebenschance, wenn sie sich selbst Grenzen auferlegt.

 

Die Verwendung des Begriffs Toleranz lässt sich zuerst bei Cicero nachweisen, der ihn aber nicht genutzt hat, um das Verhältnis zu den Worten und Taten anderer Menschen zu kennzeichnen, sondern um seine Forderung auszudrücken, der Mensch solle die Unbill, die das Leben zwangsläufig mit sich bringe, akzeptierend erdulden. Absolute Glaubensüberzeugungen hatten mit dem Postulat der Toleranz seit jeher Probleme, und es war lange Jahrhunderte eine weit verbreitete Überzeugung, sie sei Gift für alle religiösen Lehrsätze. Sokrates machte in diesem Punkt keine Ausnahme: Er setzte sich dafür ein, Gottesleugner mit dem Tod zu bestrafen. Das erste große religiöse Toleranzedikt des römischen Kaisers Galerius zu Beginn des 4. nachchristlichen Jahrhunderts, mit dem die Christenverfolgung beendet wurde, hatte kein irgendwie mit dem Gedanken der Toleranz verbundenes Motiv, sondern entsprang einem politisch-taktischen Kalkül, um die Christen als Unterstützer des im Osten gefährdeten Römischen Reiches zu gewinnen.

 

Die Blütezeit des Begriffes setzte mit der Aufklärung ein. Lessing setzte der Toleranz ein erstes Denkmal mit der Ringparabel in dem Schauspiel Nathan der Weise, die ein verständnisvolles Miteinander der drei großen monotheistischen Religionen symbolisierte. Dem lag die Überzeugung zu Grunde, keine Religion könne die Wahrheit für sich allein beanspruchen; jeder Mensch müsse subjektiv nach seiner persönlichen Überzeugung suchen. Im 19. Jahrhundert löste John Stuart Mill den Begriff von seinem rein religiösen Verständnis und übertrug ihn auf das gesellschaftliche Verhalten von Individuen und Gruppen. Er legte auch fest, an welcher Stelle die Toleranz zu enden habe: dort, wo anderen Schaden zugefügt werde.

 

Goethe (Maximen und Reflexionen) lässt gegenüber der Toleranz deutliche Skepsis erkennen: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen“.

 

Als moderner Philosoph hat sich Rainer Frost mit den Grundlagen der Toleranz befasst. Er geht von dem Grundsatz aus, dass alles anerkennenswert ist, was anderen Menschen einfällt. Toleranz setzt aber – sonst handelt es sich um bloße Indifferenz – eine eigene Überzeugung voraus, die sich von der Auffassung des anderen unterscheidet, und es müssen Gründe bestehen, warum diese andere Überzeugung hingenommen wird. Auch Frost lehnt eine unbeschränkte Toleranz ab.

 

Monsignore Schumacher schloss mit Gedanken aus der Perspektive des Theologen. Er zitierte den Apostel Paulus, der den Gemeindemitgliedern empfohlen hatte: Ertragt einander in Liebe. Schon vorher lehrte der Prophet Jesajah: Gott ist der zuerst Tolerante. Er erträgt die Menschheit trotz all ihrer Schlechtigkeit. Papst Benedikt XVI. war der Überzeugung, Toleranz schließe die Ehrfurcht vor Gott ein sowie eine Ehrfurcht vor dem, was anderen heilig ist.

Monsignore Schumacher ließ indes keinen Zweifel, dass das Verhalten von Christen, deren religiöse Gewissheit zugleich mit weltlicher Macht ausgestattet gewesen sei, dem oft nicht entsprochen habe. Ein erstes abschreckendes Beispiel sei die Sachsenpolitik Karls des Großen gewesen. Die mit dem Lohn des Überlebens verbundene Zwangsmissionierung sei der Überzeugung geschuldet gewesen, eine wirksame politische Integration setze die religiöse Assimilation voraus. Die Kreuzzüge und die Art der Missionierung der indigenen Bevölkerung Mittel- und Südamerikas bildeten weitere Beispiele. Der Dreißigjährige Krieg habe als Religionskrieg sich nicht tolerierender christlicher Konfessionen begonnen. Abschließend sei zu konstatieren, dass die Toleranz in keinem Tugendkatalog namentlich genannt werde und auch bei den berühmten Kardinaltugenden nicht aufscheine.

 

Die nachfolgende Diskussion manifestierte die allgemeine Überzeugung, dass der Gleichgültige nicht tolerant genannt werden kann. Kontroverser wurde die Frage erörtert, ob die Intoleranz bereits mit dem Bemühen beginnt, einen anderen von den eigenen Ansichten zu überzeugen. Das wurde mehrheitlich verneint, solange es beim Austausch von Argumenten bleibt und ein Druck jedweder Art, sei es physisch oder psychisch, ausbleibt. Unter diesem Vorbehalt ist auch eine religiöse Mission mit dem Toleranzgebot kompatibel.

Die Grenzen der Toleranz sind erreicht, wenn jemand durch seine Taten anderen Menschen Schaden zufügt. Damit ist nicht gesagt, dass alle verbalen Injurien hinzunehmen sind. Die Abgrenzung wird in einzelnen Fällen kontrovers bleiben, zumal auch, wenn die mit der Garantie der Kunstfreiheit ausgestattete Satire ihr Recht fordert.

 

Auf Fragen mochte der Referent nicht in Abrede stellen, dass die Kirche mit der Ausbreitung des Toleranzgedankens an weltlicher Macht verloren habe. Mit deren Rückgang und der Reduzierung eines eigenen territorialen Staatsgebietes sei eine schärfere Dogmatisierung und innerkirchliche Klerikalisierung einhergegangen. Er widersprach indessen der Vermutung, dem Islam könne ein geringeres Toleranzvermögen als dem Christentum eignen, weil nach den Worten Navid Kermanis (zwischen Koran und Kafka) der Anhänger des Islam Gott erkennt und darüber wie ein Zeuge berichten kann, während der Christ das Wort Gottes bekennt. Kermanis Prämisse sei nicht zutreffend. Auch im Christentum werde Gott bezeugt; so sei das Wort Märtyrer aus dem lateinischen „testare“ (= zeugen) abgeleitet.

Kritik musste sich Goethe gefallen lassen. Inwiefern Toleranz, wie er es formuliert hat, nur als vorübergehende Gesinnung zu akzeptieren sei, weil sie sonst zur Anerkennung führe, während dauerhaftes Dulden als Beleidigung zu erachten sei, leuchtete nicht ein.

Zurückhaltung wurde auch der in der UNESCO- Erklärung zu den Prinzipien der Toleranz geäußerten Auffassung entgegengebracht, das wirksamste Mittel gegen Intoleranz sei Bildung. Ob der in den vergangenen Jahren zu konstatierende bemerkenswerte Erfolg zahlreicher Politiker, die mit einer intoleranten Sprache Mehrheiten gewonnen haben, von einem Rückgang des Bildungsniveaus begleitet wird, erschien zumindest zweifelhaft.

Zu beobachten bleibt, wie sich die aktuelle Klimadebatte auf das Toleranzverhalten der Beteiligten auswirkt. Wer fest davon überzeugt ist, dass ein Weiterleben auf unserem Planeten nur möglich ist, wenn die Maßnahmen A und B getroffen werden, wird es nicht einfach haben, andere Auffassungen gewähren zu lassen, die – wie er gewiss ist – zur baldigen Apokalypse führen.

 

Die Zusammenkunft endete friedlich. Zumindest an diesem Abend wurden die Auffassungen aller Anwesenden toleriert.

 

Bei seiner nächsten Zusammenkunft am 25.11.2019, 17.30 Uhr wird der Arbeitskreis über die Thesen des Buches „Gegen Wahlen, Warum Abstimmen nicht demokratisch ist“ ( David van Reybrouck) diskutieren.