Das Leben entscheidende Volten, unbeherrschbare Erfindungen und Manipulationen der Öffentlichkeit - Im Wortlaut - Die Dinner Speech von Dr.Arnold E.Maurer

 

„Goethe – Brüche, Umbrüche“ – ‚Dinner Speech‘ beim Sommerfest der „Lese“ im Restaurant der Bundeskunsthalle, 23. 8. 2019, gehalten von Arnold E. Maurer

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

 

die Bonner Lese hat bemerkenswerte Veränderungen hinter sich; sie hat sich von lieb gewordenen Dingen trennen müssen, Gemälden, Büchern, einer Immobilie – und wohnt nun zur Miete, das alles, um ihre Existenz auf Dauer zu sichern. Frauen haben nun, nach Empfehlung, ungehinderten Zugang zur Lese, nicht mehr nur die vielzitierten „besuchsberechtigten Damen“, eine kleine Revolution. Die Lese hat sich quasi neu erfunden, aus einer Notlage heraus, in der es vermutlich gar nicht anders ging.

 

Im Sich-Neu-Erfinden war auch die Persönlichkeit groß, die hier nebenan durch eine Ausstellung geehrt wird. Wie viele Volten hat Goethe nicht in seinem Leben vollzogen, sich in mancher (Liebes-) Beziehung weggeduckt, wenn er meinte, sie nicht fortführen zu sollen, da rückte er – wörtlich – über Nacht aus und ließ nichts mehr von sich hören.

 

Goethe wird Bindungsangst nachgesagt.

 

Dabei liebte er die Frauen, umgab sich gerne mit den jüngeren. Noch als 74jähriger machte er der 19jährigen Ulrike von Levetzow einen Heiratsantrag; Mutter und Tochter flohen daraufhin entsetzt aus Marienbad nach Karlsbad, Goethe musste die Erfolglosigkeit seiner Absichten einsehen und - wurde erst einmal richtig krank.

 

Oder Charlotte von Stein. Sie war mit Stallmeister Josias von Stein verheiratet, also: keine Gefahr im Verzug. Goethe freundete sich mit Josias an, kümmerte sich um die Kinder der Familie, und ließ sich von Charlotte in die Usancen des Hoflebens einführen, bekam Manieren beigebracht, für den „Stürmer und Dränger“ - bald mit Ministeramt - eine mehr als nützliche Konstellation. „Zettelchen“ flogen von Goethes Gartenhaus zu Charlotte von Steins ‚Haus an der Ackerwand‘ und zurück (heute wären das SMS), das gebratene Rebhuhn brauchte nicht zu warten. Manches, auch im Zusammenleben von Goethe und Frau von Stein, war wenig spektakulär und gleichförmig, wie das unter ‚Eheleuten‘ so geht. Der angetraute Ehemann meist abwesend, auf dem Familiengut oder in seinem Beruf. Das Gedicht „Warum gabst du uns die tiefen Blicke“, sicher eines der schönsten Goethe-Gedichte, spiegelt diese Beziehung, analysiert sie bis ins Letzte. Zufriedenstellend war sie auf Dauer nicht, wer lässt sich schon gerne über Jahre „erziehen“?

 

Hier der Beginn des Gedichts aus der Anfangszeit dieser Liebe:

 

Warum gabst du uns die tiefen Blicke,

Unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun,

Unsrer Liebe, unserm Erdenglücke

Wähnend selig nimmer hinzutraun?

Warum gabst uns, Schicksal, die Gefühle,

Uns einander in das Herz zu sehn,

Um durch all die seltenen Gewühle,

Unser wahr Verhältnis auszuspähn?

 

Ach, so viele tausend Menschen kennen,

Dumpf sich treibend, kaum ihr eigen Herz,

Schweben zwecklos hin und her und rennen

Hoffnungslos in unversehnem Schmerz;

Jauchzen wieder, wenn der schnellen Freuden

Unerwart’te Morgenröte tagt.

Nur uns armen liebevollen beiden

Ist das wechselseit’ge Glück versagt,

Uns zu lieben, ohn uns zu verstehen,

In dem andern sehen, was er nie war,

Immer frisch auf Traumglück auszugehen

Und zu schwanken auch in Traumgefahr.

 

[…]

 

Nach Jahren in der politischen Mühle des Kleinstaats, versehen mit einem Stapel halbfertiger Manuskripte und einem gewissen Überdruss an so viel platonischer Liebe, wagte Goethe den Wandel, er erfand sich neu. Frau von Stein war in gewisser Weise die Blamierte, da sie nicht erklären konnte, wo Goethe nun zu finden wäre (es gab bei der Übergabe des ihr gewidmeten „Tagebuchs der italienischen Reise für Frau von Stein“ auch ein Kommunikationsproblem mit einem Diener, Frau von Stein wusste nicht eher als „ganz Weimar“, wo der Dichter zu finden war), aber dieser Umstand hielt Goethe nicht davon ab, zu seiner einmal getroffenen Entscheidung zu stehen und – mit seinem bisherigen Ministergehalt weiterhin ausgestattet – die Italienreise fortzuführen.

 

Endlich frei sein, Zeit für Rom zu haben, in einer WG mit noch ein paar Yuppies zu leben, kreativ zu sein, endlich das tun, was man dichtend machen wollte, was für ein Glück! Bei dieser Wende befeuerten ihn die römischen Altertümer und sonstigen Kunstwerke Roms, das Betrachten von Architektur. Aber Goethe riskierte auch eine Menge, die klassische Kavalierstour führte nicht über Rom hinaus, eine Reise nach Sizilien war gefährlich, brachte aber auch eine Menge Erkenntnisse über Land und Leute, den Vulkanismus, die Geologie allgemein.

 

In Sachen Liebe erzeugte der Schwenk in Goethes Leben ebenfalls eine Wende, die Bedeutung der erfüllenden körperlichen Liebe wurde ihm nach allem Theoretisieren aus vergangenen Lebensabschnitten deutlich. „Das verfluchte zweite Kissen“ (Küssen) steht auf einer Zeichnung Johann Heinrich Tischbeins über dem Bett in Goethes Zimmer in der Via del Corso in Rom, vermutlich ein Scherz, der daran erinnern soll, dass da eigentlich jemand hingehörte.

 

Mit Frau von Stein war nach Goethes Rückkehr nicht mehr gut Kirschen essen, sicherlich erfüllte die Weimarer Christiane Vulpius eher Goethes Erwartungen, sie wird seinem inzwischen an Italien geschulten Vorstellungen von freierer Liebe entsprochen haben. Eine Beziehung zu dieser jungen Frau einzugehen, war keinesfalls selbstverständlich, ihre Familie war zahlreich, nicht von Adel, im städtischen Kontext nicht anerkannt. Und Christiane stand nicht für die Brillanz geistiger Auseinandersetzung, mit allen Haken und Ösen, die Goethe von Charlotte von Stein her kannte. Christiane kümmerte sich um „Haus und Hof“, managte also das Haus am Frauenplan, Goethe hielt sich auch längere Zeit in Jena auf. Miese Stimmung habe es zwischen den beiden, so schreibt Goethe, nie gegeben. Seit sie sein Haus betreten habe, habe sie ihm nicht eine traurige Minute bereitet.

 

Hören wir Goethes Gedicht über seine Begegnung mit Christiane:

 

Gefunden

 

Ich ging im Walde

So für mich hin,

Und nichts zu suchen

Das war mein Sinn.

 

Im Schatten sah ich

Ein Blümchen stehn,

Wie Sterne leuchtend,

Wie Äuglein schön.

 

Ich wollt es brechen,

Da sagt‘ es fein:

Soll ich zum Welken

Gebrochen sein?

 

Ich grub’s mit allen

Den Würzlein aus,

Zum Garten trug ich’s

Am hübschen Haus.

 

Und pflanzt es wieder

Am stillen Ort;

Nun zweigt es immer

Und blüht so fort.

 

 

Hat Goethe mit seiner Entscheidung, Christiane erst zur Geliebten, dann zur Frau zu nehmen, Sohn August war da schon geboren, weitere Kinder starben alle, sich abermals neu erfunden? Jedenfalls hat er gegen gesellschaftliche Erwartungen angearbeitet, insbesondere, als es zur Legalisierung dieser Beziehung kam. Als Christiane Goethes Besitz heldenhaft gegen – nach der Schlacht von Jena und Auerstedt - marodierende napoleonische Truppen verteidigte, war der Zeitpunkt der Heirat gekommen.

 

Die Lese, und da gab es ja auch entsprechende Bestrebungen, hätte getrost früher ohne Einschränkung Frauen in ihre Reihen aufnehmen können, oder?

 

Goethes biographische Volten lassen sich leicht nachvollziehen – besonders die Italienreise steht in der Tradition eines radikalen „Cuts“, einer kompletten Neuorientierung.

 

Und damit kommen wir zu den Umbrüchen, die uns alle betreffen.

 

Wie stand, dazu abschließend, Goethe zu den großen Veränderungen seiner Zeit, die an ihn herangetragen wurden oder die er, in der Zeit beginnender Industrialisierung, selbst miterlebte?

 

Goethe traf – wie bekannt – Napoleon, den großen politischen Umwandler Europas, in Erfurt beim Fürstentag 1808. Im Ergebnis: distanzierte Bewunderung.

 

Goethe wusste nichts von (nun erweiterungsbedürftigen) Schutzzonen um Atomkraftwerke (und sei es im nahen Belgien) und das Horten von Jodtabletten. Und doch bekommt schon jeder Schüler beim Lesen des „Zauberlehrlings“ eine Vorstellung davon, dass Dinge komplett aus dem Ruder laufen können.

 

„Faust“ schließlich formuliert ja, aus seinem alchemistischen Rattenloch heraus, nicht nur die Idee, alles bis ins Letzte erkennen zu wollen, mit welchen Mitteln auch immer, der sich im Drama bald anschließende herrlich entspannte Osterspaziergang („Vor dem Tor“) liefert ein schönes Beispiel für eine Öffentlichkeit, die nichts kapiert – auch nicht die ärztlichen Fehlgriffe und deren Konsequenzen, die Fausts Vater zu verantworten hat. Die Masse bleibt in ihren Konventionen (und ihrem schlechten Informationsstand) gefangen und fühlt sich noch gut dabei. Wie steht es um unsere mediale Öffentlichkeit?

 

„Faust II“ ist kaum bekannt, meine ich. Aber in diesem Text sind es künstliche Wesen, die auftauchen, und von denen wir – als Kreuzung von Mensch und Tier – gerade in der Zeitung gelesen haben, die in Japan bis kurz vor ihrer Geburt gezüchtet werden dürfen, mit dem späteren Ziel der Forschung, auf diesem Wege Organe heranbilden zu können, die dem Menschen dann eingepflanzt werden.

 

Und das Geld. Papiergeld, über Nacht eingeführt. Man muss es dem Kaiser überhaupt erst einmal erklären, wie es funktioniert, dann will er es sofort. Ulrich Gaier schreibt in seinem Kommentar zu Faust (Faust II, 1. Akt) über den Inhalt von „Lustgarten“: „Es funktioniert aufgrund kollektiver Täuschung im Vertrauen auf die Unterschrift des Kaisers und dessen Glauben an die Versprechungen der Magier. Faust und Mephistopheles werden mit der Verwaltung der imaginären Bodenschätze im ganzen Reich beauftragt. Der Narr wird seinen Anteil an den Scheinen sofort in Grundbesitz anlegen: er ist der Klügste.“

 

Einer der letzten Texte in einem „Lesebuch zu Goethes Leben“ (Unwandelbar G. Hrsg. v. Peter Schünemann. München 1998. S. 335) lautet (Goethe im Gespräch mit Eckermann, 1828): „Denkt man sich bei deprimierter Stimmung recht tief in das Elend unserer Zeit hinein, so kommt es einem oft vor, als wäre die Welt nach und nach zum Jüngsten Tage reif. – Und das Übel häuft sich von Generation zu Generation! - Denn nicht genug, daß wir an den Sünden unserer Väter zu leiden haben, sondern wir überliefern auch diese geerbten Gebrechen, mit unsern eigenen vermehrt, unsern Nachkommen.“

 

Was Goethes Aktualität betrifft, kann man getrost auf die Ausstellung im Haus verweisen, die sich das ja zum Thema gemacht hat.

 

Ich wünsche Ihnen interessante Gespräche, über die Lese, Goethe, das Leben entscheidende Volten, unbeherrschbare Erfindungen und Manipulationen der Öffentlichkeit, die man vielleicht nicht einmal bemerkt.

 

Vielen Dank!

 

© Arnold E. Maurer, Bonn 2019