"Durch die Klarheit seiner Darstellung bestechend" - Eine Rezension der Broschüre "Lichtstrahlen der Aufklärung" von Lesefreund Alexander Wolfshohl

Lesefreund Alexander Wolfshohl hatte zur Sonderausstellung „Lichtstrahlen der Aufklärung“ des Beethoven-Hauses die Begleitbroschüre verfasst, die im Verlag Beethoven-Haus erschienen ist. Zu dieser Broschüre veröffentlichten die Rheinischen Vierteljahresblättern ( RhVjbll83_2019) eine Rezension von Prof. Dr. Hans-Joachim Hinrichsen, Musikwissenschaftliches Institut derUniversität Zürich.  Diese Rezension vermittelt erneut einen schönen Einblick in die Anfänge unserer LESE. Die LESE  dankt Herrn Prof.Dr. Hinrichsen sowie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn für die Genehmigung zur Veröffentlichung der Rezension auf unserer Website.

 

Bonn zählte als Residenzstadt des kurkölnischen Erzbischofs im späten 18. Jahrhundert zu den geistigen Zentren einer Aufklärung, die sich entgegen dem früheren Vorurteil eben nicht nur im

nord- und mitteldeutschen Kulturraum des Protestantismus ausbreitete. Das Phänomen einer ‚katholischen Aufklärung‘ ist schon seit längerer Zeit ein Gegenstand der Geschichtsforschung. Vor allem unter der Regierung des Habsburgers Maximilian Franz (1787–1793) erlebte Bonn einen Höhepunkt dieser geistigen Strömung; der Kurfürst war der jüngste Bruder Josephs II., des Aufklärers auf dem Thron des Reiches, und so kam Bonn auch endgültig in Kontakt mit den neuesten musikalischen Tendenzen aus der Metropole Wien. Einen über diese Zeit hinausreichenden (und bis heute existierenden) Kern bildet die 1787 gegründete Bonner ‚Lesegesellschaft‘, der die vorliegende kleine Publikation gewidmet ist. Die Bonner ‚Lese‘, wie sie liebevoll abkürzend genannt wird, war „eine literarische Gesellschaft der entwickelten Form, sie war eine Aufklärungsgesellschaft schlechthin“ (S. 3).

 

Die Geschichte ihrer Gründungsphase bis zur Aufhebung des Kurfürstentums durch die französischen Revolutionstruppen wird von Alexander Wolfshohl, dem Archivar der Lesegesellschaft, kundig und luzide dargestellt, samt einem kurzen Ausblick auf die Geschichte ihrer Wiederbelebung. Der Band ist mit mehrfarbigen Abbildungen üppig ausgestattet. Man erfährt, wie die ‚Lese‘ eingebettet ist in eine Vielzahl von Maßnahmen aufgeklärter Kulturpolitik, zu denen auch die Gründung der Bonner Universität gehört (hervorgehend aus der Akademie, die wiederum aus dem Jesuitengymnasium hervorgegangen war). Zudem gab es ein – modern gesprochen – ausgesprochen kluges Nachwuchsförderungsprogramm, mit dem der Kurfürst und seine Entourage die jungen Bonner Nachwuchstalente in die einschlägigen Zentren kulturellen Fortschritts schickten: die Naturwissenschaftler etwa nach Göttingen, die Juristen nach Jena, das Zentrum der aufsteigenden Kant-Rezeption, die Maler nach Rom und die Mediziner und die Musiker nach Wien, in die Heimatstadt des Kurfürsten. So kam auch Beethoven nach Wien – und blieb dort, weil die Umstände keine Rückkehr mehr erlaubten.

 

Es ist eine ausgesprochen spannende Geschichte, die ihr Faszinosum natürlich nicht zuletzt dadurch erhält, dass sie das geistige Klima durchschaubar macht, in dem der junge Beethoven (der aus formalen Gründen kein Mitglied der ‚Lese‘ war) seine frühen und lebenslang aufrechterhaltenen Prägungen durch Theoreme der Ethik Kants und der Dramatik und Ästhetik Schillers erhalten hat. Es liegt also fast in der Natur der Sache, dass die Lesegesellschaft ihre Schätze in der Ausstellung, zu der die vorliegende Publikation gehört, gemeinsam mit dem Beethoven-Haus Bonn präsentiert hat.

 

Interessant ist auch die Darlegung der subkutanen Spannungen mit dem Kölner Domkapitel sowie mit der dortigen Alma Mater. Die Bonner Seite ist in jedem Fall die liberalere und aufgeklärtere, auch wenn die offenen Worte, mit denen der Domherr Caspar Anton von Mastiaux, Mitbegründer der Bonner Lesegesellschaft, in seiner Verteidigung einiger angeklagter ‚Lese‘-Mitglieder die Kölner als frivole Tagediebe bezeichnete, zu seiner vorübergehenden Entfernung aus Bonn führten. Die Lesegesellschaft hat ihm diesen Mut später mit einer beitragsfreien Ehrenmitgliedschaft gedankt (S. 13).

 

Ein instruktives kleines Kapitel ist dem Gasthaus ‚Zehrgarten‘, dem Mittelpunkt des Freundeskreises von Beethoven, gewidmet, in dem auch viele ‚Lese‘-Mitglieder verkehrten. Das Stammbuch, das der Zehrgarten-Kreis dem jungen Komponisten bei seiner Abreise nach Wien verehrte, liegt heute in der Österreichischen Nationalbibliothek. Es enthält beeindruckend viele Schiller-Zitate, aber auch den berühmten Eintrag des jungen Grafen Waldstein: Durch ununterbrochenen Fleiß erhalten Sie: Mozart’s Geist aus Haydens Händen. / Bonn d. 29ten Oct. 1792.

 

Im Herbst 1794 änderten sich die Verhältnisse gravierend. Das Gästebuch der Lesegesellschaft (in das sich 1792 auch der durchreisende Joseph Haydn eingetragen hatte) enthält für den 8. Oktober 1794 den Eintrag: Entrée de l’Armée de Sambre et meuse, gefolgt von einem dicken Querstrich (S. 20). Erst 1798 kam der Betrieb langsam wieder in Gang, die Bibliothek der ‚Lese‘ wurde ausgebaut (das älteste erhaltene Inventarverzeichnis stammt von 1814) und stand, als beste Institution ihrer Art, der städtischen Öffentlichkeit zur Verfügung. Aus dem einstmaligen „Leuchtturm der Aufklärung“ wurde, so der Autor zusammenfassend, ein „Leuchtturm der Bildung“ (S. 26).

 

Der schön ausgestattete und durch die Klarheit seiner Darstellung bestechende kleine Band gehört in die Hand jedes an der Geschichte der Aufklärung im Rheinland interessierten Menschen.

 Zürich       Hans-Joachim Hinrichsen