Wie Franz Liszt zur Ehrenmitgliedschaft der LESE kam oder: Wie man auch in Bonn eine Beethovenhalle in elf Tagen bauen konnte - Walter Mackholts Dinner Speech zum Stiftungsfest der LESE

Natürlich durfte auch beim diesjährigen Stiftunsfest der LESE die traditionelle Dinner Speech nicht fehlen. Und so förderte Lesefreund Walter Mackholt in einer launigen Rede allerlei Wissenswertes aus früheren Tagen hervor, an dem man sich heute ein Beispiel nehmen könnte. Hier ist die Rede im Wortlaut.

 

Die fulminante Broschüre „Lichtstrahlen der Aufklärung“ endet mit dem Hinweis, dass Franz Liszt anlässlich der Einweihung des Beethovenmonuments auch Ehrenmitglied der LESE wurde. Gut, er hatte 2.666 preußische Taler für das Denkmal gespendet, aber das allein kann nicht der Anlass für die Ehrenmitgliedschaft gewesen sein. Also habe ich mich auf die Spurensuche zum Thema Franz Liszt und Beethoven und Bonn gemacht.

 

1. Akt

Ouvertüre

 

Franz Liszt wurde im Oktober 1811 in Raiding im Burgenland in Österreich-Ungarn geboren. Sein Vater Adam erkannte bereits frühzeitig das Talent seines Sohnes im Klavierspiel. Er zog mit seiner Familie 1821 nach Wien, damit der Knabe besseren Unterricht bekäme. Carl Cerny nahm den begabten Schüler unter seine Fittiche. Am 1. Dezember 1822 gab Franz Liszt sein erstes öffentliches Konzert. Fürwahr – ein Wunderknabe. Über dieses Konzert schreibt Franz Liszt: „Der Erfolg des 1. Konzertes war so groß, dass weitere Konzerte folgten. Zu dem 2. Konzert erschien, Carl Cerny zu liebe, der taube Beethoven und küsste mich auf die Stirn. Bei Beethoven zu hause spielte ich nie, besuchte ihn aber zweimal. Diese Besuche waren sehr traurig, denn es stand ein Klavier mit zerrissenen Saiten in seiner Wohnung. Nach seinem Tod habe ich es gekauft und wieder zum Klingen gebracht.“ Ob Beethoven den Knaben Franz nach dem 2. Konzert auf die Stirn geküsst hat, ist umstritten. Die Wiener Volkszeitung will Herrn Beethoven nicht im Publikum gesehen haben. Sei‘s drum. Zwanzig Jahre später sagt Liszt: „Der Name Beethoven ist heilig in der Kunst.“

 

 

2. Akt

Annäherung an Bonn

 

Im Spätsommer des Jahres 1841 betrat ein Paar den Gasthof auf der Insel Nonnenwerth, das das Interesse der anderen Gäste in hohem Maße erregte. Die Dame, die mit ihrem schlanken, hohen Wuchs und einer Fülle blonder Locken eine sehr anmutige Erscheinung war, kannte zunächst niemand. Der Herr jedoch, ebenfalls groß, mit markantem Profil, einer Künstlermähne und besonders großen Händen war zweifelsohne Franz Liszt. Längst hatte sich herumgesprochen, dass dieser Künstler 23jährig 1835 mit der 6 Jahre älteren Gräfin Maria d‘Augoult liiert ist. Die anfängliche Bewunderung für die Dame mit dem großen Künstlerkreis wurde zur Liebe und Leidenschaft, aber nach den ersten 5 stürmischen Jahren setzte Ernüchterung ein. Franz Liszt tourte viel in Europa und Maria gebar insgesamt drei Kinder, darunter auch die Tochter Cosima.

Wie sang einst Johannes Heesters: „Wer Klavier spielt, hat Glück bei den Frauen“. Und die Frauen der Gesellschaft rissen sich um Franz Liszt. Nonnenwerth sollte deshalb ein Ort der Besinnung und inneren Einkehr werden. So suchte das Paar auch 1842 und 1843 die Insel auf, doch der sich abzeichnende Trennungsprozess ließ sich nicht mehr aufhalten.

Von Nonnenwerth aus trat Franz Liszt in Köln, Bonn, Koblenz und weiteren rheinischen Städten auf. Er unterstützte die Fertigstellung des Kölner Doms mit Benefizkonzerten und trat dem Dombauverein bei. Er lernte in diesem Zusammenhang auch den Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner und seinen Adlatus Vinzenz Statz kennen. Sie spielen im nächsten Akt noch eine wichtige Rolle.

 

 

 

 

3. Akt

Der Künstler erlebt Bonn leibhaftig

 

Anno 1835 zum 65. Geburtstag Ludwig van Beethovens wurde der „Bonner Verein für Beethovensmonument“

mit seinem Präsidenten August Wilhelm von Schlegel an der Spitze gegründet. Die Stadt Bonn mit ihrem ersten hauptamtlichen Oberbürgermeister Karl Edmund Joseph Oppenhoff blieb dem Projekt gegenüber zögerlich, ja ablehnend. Franz Liszt und andere Künstler wie beispielsweise Robert Schumann sammelten Spenden ein. Aber der Preußenkönig Friedrich-Wilhelm der III. unter-

sagte gar die Errichtung eines Denkmals eines „Bürgerlichen“. Sein Nachfolger Friedrich – Wilhelm IV. genehmigte dagegen 1840 die Errichtung eines Denkmals auf preußischen Boden. Den Zuschlag für eine Bronzestatue erhielt der Dresdner Bildhauer Ernst Julius Hähnel, die Ausführung oblag dem Nürnberger Bildhauer Jacob Daniel Burgschmiet.

 

Die Stadt Bonn und ihre Repräsentanten waren nach wie vor sehr ablehnend gegenüber einer feierlichen Enthüllung in Verbindung mit der Veranstaltung eines ersten Beethovenfestes. Erbost reagierte Franz Liszt, (Zitat) „ Eine kleine Stadt kann das Glück haben, dass ein großer Mann in ihr das Licht der Welt erblickt, aber kleinstädtisch darf sein Ansehen nicht gefeiert werden.“

 

Klugerweise hat das Denkmal-Komitte ihrem Mitglied Franz Liszt die Initiative zur Durchführung eines 1. Beethoven-festes übertragen. Dieser war der Ansicht, die Feierlichkeiten müssten dem Genius Beethovens entsprechen.

 

Die musikalische Oberleitung hatte neben Liszt der Casseler Kapellmeister Louis Spohr übernommen. Wie bei vielen Festspielen üblich setzte sich das Festspielorchester aus Künstlern aller deutschen und benachbarten Regionen zusammen. (So auch heute noch in Bayreuth) Dr. Breitenstein vom akademischen Musikverein hatte die örtlichen Festbeiträge zu liefern. Und jetzt wird es spannend.

 

4. Akt

Finale furioso, vor allem presto

 

In den letzten Juli-Wochen des Jahres 1845 hat Franz Liszt alle Einrichtungen, die die Stadt und das Festkomitee zur Durchführung des Beethovenfestes vorbereitet hatten, inspiziert. Nichts, aber auch gar Nichts war angemessen. Die akademische Reitbahn sollte als Konzertsaal dienen, an Akustik, große Zuhörerzahl und Repräsentanz war dort überhaupt nicht zu denken. Also forderte Franz Liszt zum Entsetzen der Herren der Stadt Bonn und des Festkomitees, es müsse noch eine Festhalle gebaut werden. (Ich höre förmlich das Entsetzen: Mer hann kiien Zick und han kein Jeld. Wie soll dat dann jehn?Wat dat all kost. So‘ne Driss, der Liszt, der spinnt. So oder so ähnllich)

Als Liszt ankündigte, er kümmere sich um alles und werde jedes Defizit abdecken, verstummten die Kritiker.

 

Wie gut, wenn man den Kölner Dombaumeister Zwirner kennt. Dieser wurde von Franz Liszt mit der Planung beauftragt, eine im Basilikalstil aus Holz gefertigte repräsentative Festhalle mit einer Kapazität für 2.500 Zuhörer in kürzester Zeit zu errichten. Als Grundstück wurde das Privatgelände des Rässchen Gartens ausgewählt, direkt neben dem Koblenzer Tor auf dem heutigen Gelände des Viktoriakarres.

 

Unter Anleitung der Herren Zwirner und Statz vom Kölner Dombauverein wurde in hervorragender handwerklicher Akkord-Arbeit innerhalb von 11 Tagen von 14 Werkmeistern und weiteren 95 Zimmerleuten, Schreinern und Dekorateuren ein Festgebäude mit Kapitell-Schmuck, aufgemalten Fliesen und Wandverkleidungen geschaffen. Die Akustik war vortrefflich und schon am 8. August konnte Louis Spohr die erste Probe mit dem Festspielorchester abhalten. Auch hier forderte Franz Liszt von allen Beteiligten vollen Einsatz. Sein in Bonn anwesender Freund und Kollege, Hector Berlioz, notierte: „Liszt durchlief die Reihen der Musiker, die Lauen feuerte er an, den Gleichgültigen versuchte er Geschmack einzuflößen und auf alle war er bestrebt, etwas von seiner eigenen Begeisterung zu übertragen.“

 

Zum Finale möchte ich gerne sagen: Alles wird gut, denn zum 1. Beethovenfest hat sich die große europäische Musikgemeinde versammelt in der kleinen Stadt am Rhein, die es unvermittelt und unvorbereitet ob des großen Ansturms getroffen hat. Das Chaos war groß, aber die Liebe und Verehrung zu Beethoven war größer. Mehr möchte ich nicht dazu sagen.

 

Übrigens: Nach Rechnungsabschluss blieb trotz des Neubaus der Festhalle einer kleiner Überschuss übrig. Und die Stadt Bonn musste auch keine weiteren laufenden Betriebskosten übernehmen, denn die Halle wurde nach zwei Monaten aus Brandschutzgründen meistbietend zum Abriss verkauft.

 

In einem Bericht über die Einweihung des Beethovendenkmals darf nicht die bekannte Anekdoten fehlen, dass – nach dem die Hülle gefallen war, die königlichen Honorationen wie Queen Viktoria mit Prinzgemahl Albert, der drei Semester in Bonn studierte, und der preußische König Friedrich-Wilhelm der IV. mit Gattin und Thronfolger als Zuschauer vom Balkon des Fürstenbergschen Palais nur die Rückseite von Beethoven sahen. Der Preußenkönig rief mit seiner hellen Stimme aus: „ei, man sieht ja nur die Rückseite von ihm“ worauf geistesgegenwärtig der neben ihm stehende Alexander von Humboldt anmerkte, „Beethoven sei auch zu Lebzeiten ein grober Kerl gewesen“.

 

Franz Liszt hat sich um Beethoven, um das Denkmal und das erste Beethovenfest verdient gemacht, und die LESE hat diese Leistung mit einer Ehrenmitgliedschaft gewürdigt.