Witz und Nachdenklichkeit - LESE besucht Schnitzlers "Reigen" im Kleinen Theater

Als Arthur Schnitzlers 1897 vollendetes Theaterstück „Der Reigen“ Ende 1920 in Berlin aufgeführt wurde, löste es einen der größten Theaterskandale aller Zeiten aus. Zehn szenische Dialoge zwischen jeweils einem Mann und einer Frau aus jeweils unterschiedlichen sozialen Schichten (von der Dirne bis zum Grafen), die jeweils bis zur geschlechtlichen Begegnung reichen, beleuchten in satirischer Form die spezifischen Machtverhältnisse in der Gesellschaft und im Verhältnis der Geschlechter zueinander sowie die Doppelmoral jener Zeit um die Wende zum 19. Jahrhundert. Damals bewirkte das Stück mit dem Vorwurf der Unmoralität und der Pornographie Saalschlachten und gewaltsame Ausschreitungen und führte schließlich dazu, dass weitere Aufführungen untersagt wurden, so dass es erst seit 1982 wieder auf deutschen Bühnen zu sehen ist.

Foto: Peter Prager

Nun wird es im Godesberger Kleinen Theater aufgeführt. Und Christel Spindler hatte für die LESE Karten organisiert. Zahlreiche LESE-Mitglieder sind der Einladung gefolgt und haben eine Inszenierung gesehen, die es nicht bei der Darstellung dessen belassen, was manche als anstößig empfinden, sondern in unterhaltsamer Weise zum Nachdenken darüber anregt, wie wir heute bei sensiblen Themen miteinander umgehen – in einer Zeit, in der Intimes mitunter nicht nur nicht mehr schamhaft verschwiegen, sondern z.B. im Zuge der me-too-Debatte gelegentlich krampfhaft – ob zu Recht oder zu Unrecht – in die Öffentlichkeit gebracht wird. Zum Gewinn wird die Inszenierung dadurch, dass Witz und Ironie die Szenen überlagern. Die Regisseurin Irina Miller sowie die Schauspieler Josephine Gey und Janosch Roloff bringen das in eindrucksvoller Weise auf die Bühne. Hervorhebenswert ist insbesondere Josephine Gey, die ihren verschiedenen Rollen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten ihre jeweils passende mit Witz und Charme geprägte Ausstrahlung gibt.

Christel Spindler gebührt Dank, dass wir die Inszenierung erleben und damit erneut auch einen kleinen Beitrag zum Fortbestand des Kleinen Theaters leisten konnten.

Volker Busse