Die LESE IN Zeiten des CORONA - Virus - Anregungen zur Kommunikation unter LESE - Mitgliedern

(DE.) Die Überlegungen des Vorsitzenden der LESE, Dr. Ulrich Spindler zu möglichen Wegen, wie die Mitglieder in Zeiten der Ausgangsbeschränkungen und Absagen von vielzähligen Veranstaltungen in Kontakt bleiben können, haben zu diversen Rückmeldungen und Anregungen geführt, über die es sich sicher lohnt, nachzudenken und zu diskutieren.

Zwei der Beiträge veröffentlichen wir hier im Wortlaut. Auf Bestreben unseres früheren Vorsitzenden, Johann Hahlen hatte die LESE auf ihrer Homepage eine Diskussionsplattform eingerichtet und die Mitglieder aufgefordert, sich dort lebhaft zu Themen aller Art, insbesondere aber zur LESE der Zukunft zu äußern. Leider fand diese Bitte nur geringe Resonanz.

 Vielleicht ist jetzt die Zeit, die Kommunikation über dieses Forum aufzunehmen und zu intensivieren. Der Vorstand bittet herzlich darum. Die beiden Beiträge unserer LESE - Freunde Johann Hahlen und Prof. Dr. Günter Sokoll, die im folgenden veröffentlicht werden, bieten jede Menge Ansätze zu Kommentaren. Wir freuen uns auf zahlreiche Diskussionsbeiträge.

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Hier die Gedanken und Fragen von Johann Hahlen

In der Tat sind wir alle - und gerade wir Ältere als die sog. Risikogruppe - von der Corona-Pandemie betroffen und machen uns - zu Recht - Sorgen.

 Neben den gesundheitlichen Sorgen haben wir jedoch aus meiner Sicht auch allen Anlass, uns um den Zusammenhalt unserer LESE, unserer deutschen Gesellschaft und unserer freiheitlichen Demokratie, die ohne eine funktionierende soziale Marktwirtschaft kaum überlebensfähig ist, Gedanken zu machen.

 Wegen dieser recht grundsätzlichen Problematik - so meine ich - ist unsere LESe gefordert, sich "aufklärerische“ Gedanken zu machen. Das haben unsere „Gründungsväter“ im Zusammenhang mit der französischen Revolution, den Demokratieversuchen der 1848er, nach der sog. kleindeutschen Lösung im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und - so hoffe ich - auch in der Nazizeit und sicher in der Nachkriegszeit getan. Um einen solchen, lebendigen, uns gegenseitig erhellenden, vielleicht mitunter verstörenden, aber immer weiterführenden, nicht banal, aber ruhig kontroversen Dialog unter den LESE-Freunden/innen geht es mir.

 Ich räume ein, dass die Erfahrungen mit unserem Diskussionsforum in 2019 nicht gerade ermutigend sind. Dennoch würde ich mich sehr freuen, wenn wir in der LESE einen neuen Anlauf wagten und nicht schweigend in unseren gewiss sehr nützlichen Selbstisolationszellen verharrten.

 Um einmal einen „Stein in den Teich von LESE im Gespräch zu werfen“ - hier einige Fragen von mir:

 - Ich frage mich, ob unsere Regierungen mit dem Runterfahren unserer Wirtschaft und dem als Kompensation gedachten Schnüren von „Rundum- Sorglos-Paketen“ in unübersehbaren Milliarden-Euro-Höhen auf die Corona-Krise richtig reagieren. Denn:

Der Virus ist auf unserem Planeten; wir werden ihn - wie Grippeviren und dgl. - in absehbarer Zeit nicht wieder loswerden. Bis zu einem wirksamen Impfstoff bzw. einem hilfreichen Medikament wird es dauern; Fachleute rechnen realistisch mit zwölf Monaten oder länger.

 Wir werden aber - weder in D noch in der EU noch in den USA oder China - solange die Wirtschaft nahe null halten und etwa 82 Mio. Menschen in D staatlich alimentieren können. Bund und Länder können nur das verteilen, was sie via Steuern einnehmen. Auch die EZB kann nicht beliebig Geld verteilen, sprich drucken, indem sie Staatsanleihen aufkauft und so das Bankensystem stützt (das sich wie etwa die französischen Banken mit italienischen Anleihen voll gestopft hat, die jetzt an Wert verlieren).

 Ich frage mich weiter: Kann denn ein Staat seinen Bürgern 100 Prozent Gesundheit garantieren? Ich meine, das hat auch unser - nicht hoch genug zu lobender - Sozialstaat noch nie versucht. Wir haben 2017/2018 eine Grippewelle mit ca. 25000 Toten in D kommentarlos weggesteckt, leben schon immer mit schrecklichen, unheilbaren Krankheiten (die vielen Hunderttausend Krebspatienten in D verdrängen wir gerne) wie etwa ALS u. a. Ich erinnere mich noch gut, wie ich in meiner Kindheit Angst hatte, an Kinderlähmung zu erkranken und wie froh ich war, als wir in der Schule die Zuckerklümpchen mit dem Salk-Impfstoff bekamen. Kurz, unser Sozialstaat kann seinen Bürger, uns und mich, nicht vor allen Lebensrisiken bewahren. Gewiss muss er dafür sorgen, dass der Straßenverkehr möglichst ohne Unfälle und Personenschäden abläuft - aber ihn zu unterbinden (dann gäbe es gar keine Unfälle mehr), drauf ist noch niemand gekommen.

 - Von daher frage ich mich, ob wir das Ausmaß der Corona-Krise und deren schlimme Folgen mit den ergriffenen Maßnahmen nicht noch schlimmer machen. Ja, es ist vernünftig und nötig, dass wir unsere Kliniken ertüchtigen, die Kapazitäten für Intensivbetten/ Beatmungen vergrößern und Infizierte sowie deren Kontaktpersonen für die medizinisch angezeigte Frist isolieren. Wie der Kölner Stadtanzeiger heute berichtet (S. 26 unten), gab es am 26. 3. in Köln 1075 Infizierte (nach 1002 am 25. 3.), davon wurden 43 in Krankenhäusern behandelt, 14 darunter auf Intensivstationen, davon acht an Beatmungsplätzen sowie insgesamt fünf Todesopfer. Aber täglich sterben in D über 2500 Menschen, 2016 (die letzte mir zugängliche Zahl) waren es insgesamt rd. 910000 Menschen. Das sind schreckliche Zahlen; jeder Tote ist einer zu viel. Aber unser Leben ist - ob wir es wollen oder nicht – endlich; das verdränge ich gerne und tagsüber recht erfolgreich. Jedoch weder das RKI noch ein wirksamer Impfstoff gegen das Corona-Virus werden daran etwas ändern.

 - Sollten wir uns bei dieser Gesamtlage nicht wieder mehr Gedanken über Sinn und Zweck unseres Lebens machen? Ja, ich müsste in mich gehen und mich fragen, was ich mit der mir verbleibenden, immer kürzer werdenden Zeitspanne meines Lebens anfange. Auch darüber unter LESE- Freunden/freundinnen nachzudenken, scheint mir sinnvoll zu sein. 

 

Und nun die Gedanken von Lesefreund Prof. Dr.Günther Sokoll

Der Neue Virus mit dem unverdient schönen, wissenschaftlich unscharfen und verharmlosenden Namen "Corona" und seiner sperrigen, unsympathischen, aber wissenschaftlich korrekten Bezeichnung Covid-19 hat die Große und die Kleine Gesellschaft "fest im Griff", wie es in den Medien heißt. Eben auch unsere LESE und deren vielfältiges, anspruchsvolles Innenleben! 

Ich stimme den Ideen der LESE-Freunde Spindler und Hahlen grundsätzlich zu, Kontakte, Kommunikation und auch Inspiration innerhalb der LESE in der gegenwärtigen und wohl noch eine ganze Weile andauernden Krise nicht verkümmern zu lassen. 

Mit dem Hinweis auf die beiden Gesprächskreise, die sich im weitesten Sinne mit Zeitgeschehen, Lektüre, Aufklärung und Zeitgeist befassen, fühle ich mich für "LESE im Gespräch" angesprochen.  

Die Gesprächsagenda bei diesem LESE-Format ergab sich bisher tagesaktuell aus der jeweiligen Nachrichtenlage. Worüber würden/müssten wir uns in der nächsten Zeit im Diskurs austauschen, wenn wir physisch zusammenkommen dürften? Es wäre zweifellos das alles dominierende Thema "Corona" mit seinen virologischen, medizinischen, ökonomischen, politischen, gesellschaftlichen, familiären und persönlichen Implikationen. Wie würden - und könnten im Wesentlichen nur - Fakten, Problemanalysen und Prognosen zusammentragen, die jeder/jede von uns im Stundentakt aus den Medien aufnimmt. Es käme relativ wenig Neues und Überraschendes zu diesem komplexen Thema auf den Tisch. Und wenn dies für den Fall eines persönlichen Zusammentreffens so wäre, so wäre es bei einem elektronisch unterstützten, weniger persönlichen Austausch über eine Plattform kaum anders. Eine Reaktion, "Das interessiert doch momentan niemanden" sollte vielleicht vermieden werden. 

Anders als etwa beim Gesprächskreis "Aufklärung und Zeitgeist", wo nahezu zeitlose Probleme wie Toleranz, Demokratie, Egoismus, Solidarität für unsere Zeit dank großartiger Vorbereitung durch den Vorsitzenden auf beachtlichem Niveau aufgearbeitet werden können, lebt die Diskussion bei "LESE im Gespräch" von insgesamt gewertschätzter Spontaneität, politischem Temperament, mehr oder weniger großer Bereitschaft zum Meinungskompromiss. Es scheint mir schwer vorstellbar, das Anliegen dieses Gesprächsformats im Rahmen einer elektronischen Plattform zu präsentieren oder zu simulieren. Wer sich dies zutraut und wem dies gelingt, der könnte sich in der Tat um die Überbrückung der LESE-armen Zeit an dieser Stelle sehr verdient machen. 

Ich glaube, dass die Stornierung der LESE-Veranstaltungen vorläufig noch kein akutes Isolationssyndrom auf Seiten der Mitglieder auslöst. Dazu stehen die allgegenwärtigen Gesundheits- und mittelfristigen Versorgungsprobleme für die meisten, insbesondere auch der älteren Generation, im Vordergrund. Allerdings gibt es auch ein Interesse, dass die Bindung an die LESE nicht nach längerer Zwangspause einschläft und Schaden nimmt. Noch ist Zeit, die unübersichtliche Entwicklung der nächsten Wochen abzuwarten und dann aufgrund einer stabileren Datenlage zu Schlussfolgerungen zu kommen.

Meine momentan zurückhaltende Position, schon jetzt ein elektronisch unterstütztes LESE-Programm in Dialogform anzubieten, ist - ehrlicherweise - auch von der ersichtlichen Zurückhaltung der LESE-Mitglieder geprägt, unsere Internet-Diskussionsplattform zu nutzen, aber auch von der Erfahrung des vergangenen Jahres, wie begrenzt die Diskussionsfreude zu Kernthemen der LESE war.

Bei aller Zurückhaltung bin ich sehr sicher, dass die so positiven und dem Geist der LESE dienenden Anstöße der Herren Hahlen und Spindler in den kommenden Wochen und Monaten ihre Wirkung haben werden.

Erhalten Sie sich alle Ihre Gesundheit, sichern Sie sich Ihre Einkäufe und erfreuen Sie sich an der Frühlingsnatur, die so unschuldig daher kommt, als sei "Corona" ein Naturereignis, mit dem sie nichts zu tun haben will.

Schließlich sei noch darauf hingewiesen, dass Lesefreund Dr. Emil Schwippert seine Gedanken zu dem Thema bereits im Forum geäußert hat.

 

LESE - Erkundung "Meer und Moor": Moratorium bis 09.April

(de.) Mit unserer diesjährigen LESE - Erkundung ist es wie mit vielen anderen Planungen in Zeiten des CORONA - Virus. Immerhin ist sie noch nicht abgesagt. Lesefreund Walter Mackholt steht in enger Verbindung zu unserem Reisebüro LAGRAFF in Urmitz.

Derzeit besteht ein Moratorium mit allen Vertragspartnern (Hotel, Busunternehmen) bis zum 09.April 2020. Dann wird die Lage neu beurteilt und hoffentlich eine positive Entscheidung getroffen werden.

Wir halten Sie auf dem Laufenden.

CORONA: Veranstaltungen der LESE bis zum 19.April abgesagt - Vorstand empfiehlt auch Absage der Veranstaltungen der Tische und AK

Liebe LESE-Freundinnen und –freunde,

 

der Vorstand empfiehlt nach eingehender Diskussion mit großem Bedauern, alle LESE-Veranstaltungen abzusagen oder zu verschieben.

Dies gilt zunächst bis zum 19. April 2020 um Risiken in Zusammenhang mit der Ausbreitung des COVID-19/Corona-Virus zu minimieren. Zudem besteht unabhängig von der Höhe des tatsächlichen Ansteckungsrisikos zur Zeit häufig die Tendenz Menschenansammlungen zu vermeiden, was dazu führen würde, dass öffentliche Veranstaltungen – wie der geplante Vortrag von Stadtbaurat a.D. Trommer – nur von wenigen besucht werden. Dies wäre sowohl aus der Sicht des Vortragenden wie der LESE unerfreulich.

Wir bitten alle Tischvorsitzenden und Leiter von LESE-Gruppierungen, ihre Teilnehmer entsprechend zu informieren. Sollte ein Tischvorsitzender oder Leiter eines der LESE-Kreise und -Gruppen dieser Empfehlung nicht folgen wollen, so empfehlen wir eine Liste der Teilnehmer anzulegen, damit allfällige Kontakt-Personen später leichter ermittelt werden können.

 

Dr. Ulrich Spindler

 

Kommunikation in Zeiten des CORONA - Virus

Liebe LESE-Freundinnen und –freunde,

 

obwohl es draußen noch kalt ist, so ist es doch unübersehbar, dass der Frühling kommt und damit die „Kaltzeit“ vorbei sein wird.

Auch die jetzige schwierige Zeit des Corona-Virus wird eines Tages vorüber sein. „Alles nimmt ein gutes Ende, für den der warten kann“ schrieb einst Lew Nikolajewitsch Tolstoi. Bis dahin bleibt es schwierig, unsere LESE-internen Kontakte aufrechtzuerhalten, da sich die persönlichen mitmenschlichen Kontakte allgemein stark reduziert haben.

Ich habe in den letzten Tage einige LESE-Freundinnen und –Freunde telefonisch erreichen können und ausführliche Gespräche geführt. Lassen Sie uns alle mithelfen, diese freundschaftlichen Kontakte, welche unsere LESE vor allen anderen ähnlichen Gesellschaften auszeichnet, in dieser besonderen Zeit mit der jetzigen Situation angepassten Mitteln weiterhin zu pflegen!

Viele LESE-Mitglieder haben dies in den vergangenen Tagen bereits gemacht. Greifen auch Sie zum Hörer oder Handy, schreiben ein E-mail oder senden eine WhatsApp–Nachricht, um den Kommunikationsfluss aufrechtzuerhalten!

Ich wünsche allen, dass sie diese Zeit gut überstehen. Machen Sie möglichst das Beste daraus und bleiben Sie gesund!

 

 Ihr Ulrich Spindler

 

 

Erinnerungen an die Schriftstellerin Irmgard Keun - Gedenktafel an ihrer Bonner Wohnung enthüllt - LESE als Sponsor - Ansprache zur Enthüllung von Cav.Dr.AE Maurer im Wortlaut

(e.B.) Mehrere Mitglieder der Bonner Lese- und Erholungs-Gesellschaft verfolgten kürzlich in Bonn die Einweihung einer Gedenktafel für die Schriftstellerin Irmgard Keun an deren ehemaligem Wohnort in der Breiten Straße 115. Die Bonner LESE gehört zu den Sponsoren dieser Tafel in deutscher und englischer Sprache, die, mit Hinweis auf die Romane der Autorin aus den Dreißigerjahren („Gilgi – eine von uns“, 1931, und „Das kunstseidene Mädchen“, 1932), auf deren frühen Ruhm, ihr Exil und die Wiederentdeckung der Autorin in den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts, deren Bedeutung hervorhebt.

An der Festveranstaltung nahmen auch Martina Keun-Geburtig, Tochter der Schriftstellerin (Mainz), und Birte Schrein, Schauspielerin am Theater Bonn, die „Das kunstseidene Mädchen“ in einer Theaterfassung an zahllosen Abenden aufführte, teil.

Fotos: Spindler

 

Die Rede des Initiators der Tafel, unseres Lesefreundes Cav. Arnold E. Maurer veröffentlichen wir nachfolgend im Wortlaut.


Rede anlässlich der Enthüllung der Gedenktafel für die Schriftstellerin Irmgard Keun (1905 – 1982) am Haus Breite Straße 115 in Bonn am 10. 3. 2020, gehalten von A. E. Maurer


Sehr geehrte Damen und Herren!

Liebe Freundinnen und Freunde!

Dass wir uns heute hier in Anwesenheit von Frau Keun-Geburtig, der Tochter der Schriftstellerin, die aus Mainz angereist ist, zur Enthüllung einer Gedenktafel für Irmgard Keun treffen, geht eigentlich auf ein bestimmtes Foto zurück, dass Irmgard Keun mit dem Blumenhändler, Herrn Kau, vermutlich am 200 Meter entfernten Wilhelmplatz zeigt. Herr Kau stand mit seinem Karren aber auch – gegen Ende des Geschäfts, wenn er noch nicht alle Nelken verkauft hatte - auf dem Friedensplatz am Eingang zur Sternstraße. Dieses Foto, enthalten in Jürgen Serkes Band „Die verbrannten Dichter“, zeigte mir als Student der Literaturwissenschaft, dass Irmgard Keun in dieses Viertel gehörte.

Meine verstorbene Frau Doris Maurer befasste sich Mitte der Siebzigerjahre dann intensiv mit Exilliteratur, schrieb in der Folge auch Sendungen zum Thema und besprach in Literaturzirkeln die Werke Irmgard Keuns. So erfuhr ich am häuslichen Frühstückstisch eine Menge über die herausragende Bedeutung Irmgard Keuns und kam zu dem Schluss, dass an ihre Wohnung „irgendwann“ eine Gedenktafel gehöre.

2012 erhielt der italienische Dramatiker und Romancier Luigi Pirandello, Nobelpreisträger für Literatur (und ehemaliger Bonner Student), in dieser Straße (nämlich am Haus Breite Straße 83), initiiert durch die – leider ebenfalls schon verstorbene – Malerin Deva Wolfram eine Gedenktafel in deutscher und italienischer Sprache, letzter Anstoß zur Idee, dass es für eine Tafel für Irmgard Keun nun aber höchste Eisenbahn sei. Bei den vielen ausländischen Gästen, die während der Kirschblüte durch diese Straßen fluten, war bald klar: die Tafel muss zweisprachig sein (deutsch-englisch). „The artificial Silk Girl“ klingt zudem auch ein bißchen trendig, die zweisprachige Tafel war geboren, nachdem die zu Pirandello schon in italienischer und deutscher Sprache abgefasst war.

Und - siehe da - nach 40 Jahren hängt sie (dem Zeitgeist folgend: zweisprachig) dort, wo sie hingehört. Und wird bald (also in den nächsten 2 Wochen) durch eine aus Glas ersetzt werden und dann strahlen wie die Pirandello-Tafel. Hier nochmals der Text der Tafel für Irmgard Keun (wir stehen aus Sicherheitsgründen etwas abseits):

Die Schriftstellerin Irmgard Keun (1905 – 1982) wohnte von 1975 bis zur Mitte des Jahres 1977 in diesem Haus. Ihr verdanken wir bedeutende Romane der Neuen Sachlichkeit: „Gilgi – eine von uns“ (1931), „Das kunstseidene Mädchen“ (1932). Die Nationalsozialisten verboten ihre Texte. 1936 ging Irmgard Keun in die Emigration. In den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts wurde sie als Autorin wiederentdeckt.

From 1975 to mid-1977 German author Irmgard Keun (1905-1982) lived in this house. She was one of the most important novelists from the "New Objectivity" era with works such as “Gilgi – One of Us” (1931) and “The Artificial Silk Girl” (1932). Her books were banned by the Nazis, causing her to flee Germany in 1936. She was rediscovered as an author in the 1970s.

Dass es nun so weit gekommen ist, verdanken wir zum einen dem Hausbesitzer, der unkompliziert sein Plazet zur Anbringung der Tafel gab, zudem zwei Vereinen, die – neben privaten Sponsoren – das Vorhaben mit finanzierten: dem Bonner Heimat- und Geschichtsverein, vertreten durch Herrn Richard Hedrich-Winter und der Bonner Lese- und Erholungsgesellschaft, vertreten durch Herrn Dr. Ulrich Spindler.

Herzlich danken möchte ich auch Frau Dr. Almut Voß vom Literaturhaus Bonn für die Beratung, Dr. Nicole Meier, Kustodin am Englischen Seminar der Universität Bonn, für Hilfe bei der Übersetzung der Tafel, der Schauspielerin Birte Schrein für Ihre Lesung aus „Das kunstseide Mädchen“, für die sie nach vielen Aufführungen (es ist ein Einpersonenstück nach dem Roman von Irmgard Keun) am Stadttheater Bonn bekannt ist und die wir gleich mit dem Beginn des Theatertexts hören werden, und Martina Keun-Geburtig, die uns auch ein wenig von diesem Haus erzählen kann, in dem sie ihre Mutter besuchte.

/Frau Keun-Geburtig/ Stichwort: Betten Schwan

Wer war Irmgard Keun?

Irmgard Keun wurde 1905 in Berlin geboren und starb 1982 in Köln. Ihre Karriere als Schriftstellerin begann mit vorgeblich schnoddrig geschriebenen Romanen über das Großstadtleben (Köln/Berlin): „Gilgi – eine von uns“ (1931) und – noch bekannter – „Das kunstseidene Mädchen“ (1932), geschrieben aus der Perspektive einer jungen Frau, die unbedingt gesellschaftlich aufsteigen will. Ihr direkter Stil, Ausdruck der Epoche der Neuen Sachlichkeit, die dargestellten Probleme und der Umgang damit (Liebe, Beziehungs-Dinge, Armut, Überleben in der Großstadt) faszinierten damals wie sie es heute tun. Nicht zuletzt der Humor der Protagonistin, der mit den miesen gesellschaftlichen Bedingungen konkurriert, machten die junge Irmgard Keun (sie war bei Erscheinen von „Gilgi“ 26 Jahre alt) schnell berühmt.

Die Karriere der Schriftstellerin wurde durch den Aufstieg des Nationalsozialismus jäh beendet. Ihre Romane erschienen nach 1933 auf Listen verbotenen Schrifttums, Irmgard Keun war ihrer wirtschaftlichen Grundlagen beraubt, stand zudem unter Beobachtung. 1935 entschloss sie sich zur Emigration und ging nach Ostende/Belgien. Dort traf sie zahlreiche berühmte Kollegen, die ebenfalls Deutschland verlassen hatten: Egon Erwin Kisch, Ernst Toller, Hermann Kesten, Stefan Zweig und Joseph Roth, zu dem sie eine Liebesbeziehung unterhielt und mit ihm Teile des noch „freien Europa“ (Brüssel, Zürich, Wien, Lemberg etc.) bereiste. Joseph Roth, berühmter Journalist und Romancier („Hotel Savoy“, „Hiob“, „Radetzkymarsch“) starb 1939 in Paris. Dass Irmgard Keun Selbstmord verübt haben sollte, wie eine englische Zeitung berichtete, wird ihre Rückkehr nach Köln, mit falschen Papieren ausgestattet, vermutlich erleichtert haben. Nach 1940 folgte ein Leben im zerbombten Köln in der Illegalität, verbunden mit der ständigen Angst, entdeckt und verhaftet zu werden. Von 1943 an lebte Irmgard Keun mit ihren Eltern (man war „ausgebombt“) in Bad Hönningen und erlebte dort auch das Kriegsende.

Irmgard Keun lebte zeitweilig (1975 bis Mitte 1977, so das städtische Melderegister, anders das Adressbuch der Stadt Bonn) im Haus gegenüber - verarmt - in der Breite Straße 115. Bedrückende Zeugnisse aus dieser Bonner Zeit finden sich im Buch „Einmal ist genug“, hrsg. von Heike Beutel und Anna Barbara Hagin (s. insbesondere den Beitrag des Theologen und damaligen Pfarrers an der Kreuzkirche, Joachim Mehlhausen). Auch Wilhelm Unger, Kölner Journalist und Förderer Irmgard Keuns, schreibt in seinem Nachwort zu einer Neuauflage von „Wenn wir alle gut wären“ (1983) über seine Besuche hier an diesem Ort und war „not amused“.

Ende der Siebzigerjahre wurde Irmgard Keun wiederentdeckt. „schreibende Frauen“ interessierten nicht nur feministische Kreise (Irmgard Keun war keine Feministin, doch eine spezifische Frauen-Sicht auf die Dinge trug auch ihre Texte voran). Das Thema „Exilliteratur“ gelangte überhaupt erst in den Blick von Forschung und Lesepublikum. Und obwohl Irmgard Keun keine „Exilierte“ im eigentlichen Sinne war, fanden ihre Texte, die ja das Exil in vielfältiger Form ausleuchten (s. insbesondere den Roman „Kind aller Länder“) Beachtung und erreichten beträchtliche Auflagen. Die Romane wurden wieder rezipiert, der Autorin ging es in der Folge auch wirtschaftlich besser. Sie zog 1977 nach Köln.

Ganz zuletzt (2014) wurde sowohl in Belgien als auch in Deutschland die literarische Bedeutung Ostendes als Exilort wieder betont, so wurde abermals an Irmgard Keun erinnert.

/Lesung Birte Schrein aus (Greiffenhagen:) Das kunstseidene Mädchen/

Worin liegt Irmgard Keuns literarische Bedeutung?

Irmgard Keuns Schaffen wird im Allgemeinen in drei Phasen geteilt: die Periode der ausgehenden Weimarer Republik, zu der auch das „Kunstseidene Mädchen“ gehört, die Phase des Exils und die Nachkriegszeit, in der die Autorin für Zeitungen und den Rundfunk arbeitete, ihrer Linie treu blieb und den Zeitgenossen, den gewendeten und verdrängenden Nazis, den Spiegel vorhielt. Auch das sind Zeitbilder von ungeheurer Ehrlichkeit und Direktheit, in denen sie mitleidlos gegen die kollektive Verdrängung, ja auch eine Umdeutung der Geschichte anschrieb. Sicherlich, ohne weite Kreise zu erreichen.

Ihre Texte zum Exil, ich denke insbesondere an ihren Roman „Kind aller Länder“, macht uns mit allen Wirrnissen des Exils vertraut: dem fehlenden Geld, der Heimatlosigkeit, dem Streben nach Aufträgen, den Verhandlungen mit den Exilverlegern, dem ewigen Suchen nach Vorschüssen, den guten und „schlechten“ Kellnern, den guten und schlechten Hotels für die Exilierten.

Die Romane der ausgehenden Weimarer Republik „Gilgi, eine von uns“, „Das kunstseidene Mädchen“ lassen sich natürlich auch als Zeitdokument lesen, als Romane auf die große Stadt Berlin im Fall des „kunstseidenen Mädchens“, in der es so schwer ist, sich zu etablieren, als Roman über die ewige Sehnsucht nach Liebe und die Fallstricke des Sex, die die Erzählerin durchschaut, ausnutzt oder auszuschalten weiß. „Tiefe Menschlichkeit“, das ist vielleicht ein Stichwort, das ihr Schreiben durchzieht, ein Verstehen, ohne zu verurteilen, mit einem gelegentlich sentimentalischen Blick auf die Sache verbunden. Überleben zählt, Gefühl (Liebe) aber auch (selbstverständlich).

Irmgard Keun benutzt dabei eine Sprache, die – bestimmt konstruiert, ob in jedem Fall durchgeplant oder nicht – gelegentlich einem Girly-Jargon entspricht, vor Verknappungen, Auslassungen, Wort-Neuschöpfungen, ungewohnten Verbindungen gedanklicher und sprachlicher Art keine Angst hat (so mit Verknappungen arbeitet, dass sich der Leser seinen Teil – erfreulicherweise – denken kann). Das wirkt alles direkt, authentisch, verlangt nicht nur, die gedanklichen Leerstellen zu füllen, es greift den Leser auch unmittelbar an, attackiert ihn, seine Idee von Gesellschaft und seine Moralvorstellungen. Darf man das, darf man so weit gehen (und Irmgard Keun ist in ihren Texten erzählerisch-inhaltlich sehr weit gegangen)? Das sind ja keine betulichen Heimatromane.

Ich wundre mich, dass Irmgard Keun nicht gerade ihre vierte Renaissance erlebt, bei der Diskussion um Geschichte und Bedeutung der Weimarer Republik für die Bundesrepublik in unseren Medien, dem Prekariat in unserer Gesellschaft (die prekäre Situation ökonomisch nicht etablierter Menschen, die ihren Platz suchen), die „Flüchtlingsfrage“, die sich ja mit der Frage nach dem Exil in gewisser Weise verbindet.

In den Kanon hat es Irmgard Keun geschafft, 2 x war sie schon in Deutschprüfungen der Länder im Zentralabitur, half Goethe (nichts gegen Goethe, insbesondere seine Lyrik) verdrängen (ein Abitur ohne Goethe, „oh Gott“), aber bestimmt haben die Leser ihren Spaß an der sprachlichen und intellektuellen Herausforderung genossen, so (zeitgebunden und gleichzeitig zeitlos) zu schreiben und die Probleme der Zeit so zu bennen, wie Irmgard Keun das konnte.

© Arnold E. Maurer, Bonn 2020