Frau Rehm blättert in ihrem LESE-Album - Erinnerungen des Pirandellotisches

Frau Rehm schreibt dazu:

Liebe Lese, zum Himmelfahrtstag  kann ich Sie hoffentlich erfreuen mit dem Albumblatt der Pirandello-Reise nach Cadenabbia 2007!  Zuvor schon hatte der Mittwochstisch das Paradies am Comer See entdeckt. Niemand ahnte damals, dass Mailand und die Region Bergamo 2020 ein  hotspot der Coronakrise in Italien werden würde.

Herzlichst mit guten Wünschen aus der Ferne   Ihre Ruth Rehm

Zum Nachlesen in CORONA-Zeiten: Ohne Kirche kein friedlicher Sieg über Diktatur und Stacheldraht? - Vortrag von Christine Lieberknecht, Thüringer Ministerpräsidentin a.D., am 16.01.2020 vor der LESE

Anfang diesen Jahres hatten wir das Vergnügen, auf Einladung der LESE Zeuge eines bemerkenswerten Vortrags der ehemaligen Ministerpräsidentin von Thüringen zu sein. Wir möchten Ihnen in diesen Zeiten, in denen doch eine gewisse Entschleunigung eingetreten ist, die Gelegenheit geben, sich in Ruhe mit dem Thema zu beschäftigen, und veröffentlichen den Text im Wortlaut.

 

Die Rolle der Kirchen im geteilten Deutschland und ihr Beitrag zur Friedlichen Revolution und zum Mauerfall in der DDR

Sehr geehrte Damen und Herren,

Normalerweise stehen Politiker im Monat Januar am Pult und halten Neujahrsreden, und Pfarrer stehen auf der Kanzel, predigen über die Jahreslosung oder eröffnen, wie gerade in diesen Tagen, die jährliche Allianzgebetswoche.

Beides tue ich heute nicht. Aber das Thema für den heutigen Abend hat für mich etwas zu tun mit der Frage, wo kommen wir als Christen im wiedervereinigten Deutschland her – und wo wollen wir hin? Ich sehe die Frage nach unseren Kirchen in der Zeit der deutschen Teilung und ihren Beitrag zur Friedlichen Revolution und zum Mauerfall in der DDR nicht nur rückwärtsgewandt, so spannend die Geschichte ist. Vielmehr finde ich, man kann aus Geschichte immer auch für Gegenwart und Zukunft lernen oder sich zumindest inspirieren lassen.

So haben neben vielen glücklichen zeitgeschichtlichen Fügungen dieses ganz besonderen Jahres 1989 vor allem auch länger, zum Teil über Jahrzehnte währende Voraussetzungen durch Selbstverständnis, Weichenstellungen und konkretes Tun in beiden großen Kirchen, die für das Gelingen des Herbstes 1989 unabdingbar waren, die Friedliche Revolution und damit auch den Mauerfall und damit die deutsche Einheit ermöglicht.

Zur Bestätigung dieser These möchte ich in einem ersten Punkt dem etwas provokanten Fragezeichen unseres Themas nachgehen und zunächst einige wichtige historische Weichenstellungen in beiden Kirchen benennen.

Die Dynamik im Jahr vor Beginn der Friedlichen Revolution im Herbst 1989 möchte ich dann in einem zweiten Punkt etwas näher beleuchten. Eine besondere Rolle wird dabei den Kommunalwahlen vom 7. Mai 1989 zukommen.

In einem dritten Punkt möchte ich einige Streiflichter auf die Friedliche Revolution selbst werfen. Ich werde dies am Beispiel der Leipziger Nikolaikirche tun. Außerdem will ich beispielhaft auf das Wirken von Superintendent Thomas Küttler in Plauen eingehen, wo sich bereits am 5. und 7. Oktober Demonstranten und Sicherheitskräfte unmittelbar gegenüberstanden. Schließlich spiegelt sich die Rolle der Kirchen an den damaligen Ereignissen auch in den Gründungen der neuen Bewegungen und Parteien, und auch in der Erneuerung bzw. Reform der in der DDR als „Blockpartei“ bestehenden CDU wieder. Auch darauf werde ich eingehen.

Mit einigen zusammenfasssenden Anmerkungen will ich meine Ausführungen mit einem vierten Punkt abschließen.

Wichtige historische Weichenstellungen in beiden großen Kirchen

 

Die evangelischen Kirchen

Im Rahmen dieses Vortrages lassen sich die hier zu nennenden Punkte allerdings nur skizzenhaft umreißen.

Beginnen möchte ich mit der Gründungsversammlung der EKD im nordhessischen Treysa. 120 Kirchenmänner aus ganz Deutschland wollten damals auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs das „Gefühl der Gemeinschaft“ stärken. Ab dem 31. August 1945 kamen sie für vier Tage in Treysa zusammen, um mit der einberufenen Kirchenversammlung einen „Rat der Evangelischen Kirchen in Deutschland“ (Rat der EKD) zu berufen. Dieser Rat sollte das gemeinsame Dach für alle protestantischen Bekenntnisse im ganzen Land bilden. Dabei sah man sich nicht als „national-politisch“, wohl aber als „geistig-kulturelle Klammer“ (so der erste Ratsvorsitzende Theophil Wurm) für ganz Deutschland. 1948 hatte man als Ort zur Verabschiedung der bis dahin erarbeiteten Grundordnung der EKD bewusst die thüringische Stadt Eisenach in der sowjetischen Besatzungszone gewählt. Hier traf sich die EKD am 13. Juli 1948.

Mit Kritik, zumindest aber Missbehagen, verfolgte man argwöhnisch das spürbare staatliche Auseinanderdriften von sowjetischer Besatzungszone und den drei westlichen Besatzungszonen. Besonders einschneidend wirkten dabei die Währungsunion von 1948 und die Gründung der beiden deutschen Staaten mit der Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai und der DDR am 7. Oktober 1949. Die Antwort der EKD und ihres Ratsvorsitzenden, des damaligen Württembergischen Bischofs Theophil Wurm, auf diese Entwicklung waren eindeutig. Mit einer Erklärung unter der Überschrift „Wir bleiben ein Volk“ forderten sie beide deutsche Staaten auf, alles für die Wiederherstellung der deutschen Einheit zu tun.

Schon in Eisenach 1948 hatte Wurm „die bleibende Verbundenheit aller Teile der evangelischen Christenheit in ganz Deutschland, ganz abgesehen von irgendwelchen politischen Grenzlinien“, die „deutlich bezeugt“ werden solle, betont. So legte denn auch von Anbeginn an die EKD in ihrer Grundordnung Wert auf die Formulierung: „In der EKD wird die bestehende Gemeinschaft der evangelischen Christenheit sichtbar.“

Das war das Fundament einer großen, kaum übersehbaren Fülle von Maßnahmen für vier Jahrzehnte kirchlicher und diakonischer Paten- und späterer Partnerschaften zwischen Kirchen und diakonischen Einrichtungen im westlichen Teil Deutschlands mit ihren „Brüdern und Schwestern“ im Osten des geteilten Landes. Mit dem Beschluss vom August 1949 im Schloss Wolfsbrunnen bei Eschwege über dauerhafte Patenschaften von westlichen über eine der jeweils östlichen Gliedkirchen war ein tragfähiger Rahmen für flächendeckende Hilfsaktionen für Kirchen und Einrichtungen im Osten bis hin zu persönlichen Paten- und Partnerschaften der jeweils handelnden Akteure gesetzt. Eine große Paketaktion in alle Landeskirchen der Sowjetzone unterstrich den festen Willen, den beschlossenen Patenschaften sogleich Taten folgen zu lassen.

Folgende Patenschaften wurden, orientiert an den theologischen Bekenntnissen der Kirchen, vereinbart:

Pfalz – Anhalt,

Westfalen – Berlin,

Rheinland – Brandenburg,

Bayern – Mecklenburg,

Baden – Pommern,

Hessen/Nassau und Kurhessen/Waldeck – Kirchenprovinz Sachsen,

Hannover/Braunschweig und Schaumburg/Lippe – Sachsen,

Oldenburg – Schlesien,

Württemberg – Thüringen.

Die reformierten Gemeinden West kümmerten sich um die reformierten Gemeinden Ost.

Diese landeskirchenkirchlichen Patenschaften und späteren Partnerschaften wurden heruntergebrochen auf die Ebenen der Dekanate/Superintendenturen und Gemeinden. Es wurden persönliche Patenschaften, Patenschaften zwischen diakonischen Werken und Einrichtungen, zwischen kirchlichen Werken und Vereinigungen wie dem CVJM, der evangelischen Schülerarbeit, Posaunenwerken, Chören u.a.m. geschlossen.

Es gab Patenschaften von Einrichtungen wie evangelischen Akademien, Kirchenzeitungen, Verlagsanstalten, Erholungshäusern, Predigerseminaren, Katechetenausbildung…

Besondere Ereignisse wie die Evangelischen Kirchentage 1951 in Berlin und 1954 in Leipzig wurden zu Manifestationen für das Empfinden der Zusammengehörigkeit der Christen in Ost und West und der Forderung nach Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands. Beispielhaft dafür steht die Arbeitsgemeinschaft „Wir sind doch Brüder im Volk“ auf dem Berliner Kirchentag von 1951. Von 300.000 Kirchentagsbesuchern nahmen allein 40.000 Menschen an dieser einen Arbeitsgruppe teil.

Der Leipziger Kirchentag von 1954 wurde für eine ganze Generation, die noch bis in die 1970er und 1980er Jahre das kirchengemeindliche Leben im Osten prägte, zur tragenden Glaubens- und Lebenserfahrung. Gemeindeglieder in unseren thüringischen Landgemeinden berichteten noch Jahrzehnte später begeistert von den dortigen gesamtdeutschen Begegnungen.

1956 trat die EKD nochmals mit einer Erklärung zur „Einheit des Volkes“ an die Öffentlichkeit mit Verweis darauf, „dass Einheit im Bewusstsein der Gemeinden präsent sei und dem Grundanliegen der ökumenischen Bewegung entspreche.“

Natürlich bewegten sich die EKD und alle, die die getroffenen Vereinbarungen zwischen den westlichen und östlichen Kirchen mit Leben erfüllten, nicht im konfliktfreien Raum. Mit der wachsenden Abschottung der DDR gegenüber dem Westen verschärften sich zunehmend die Probleme bei der praktischen Umsetzung von Hilfsleistungen für den Osten und Möglichkeiten der Begegnung zwischen Ost und West. Nicht zuletzt der organisatorische Zusammenhalt in der EKD gestaltete sich immer schwieriger. Die Gründung eines eigenen Kirchenbundes für die östlichen Gliedkirchen in der DDR wurde unausweichlich. Nach zweijähriger intensiver Arbeit wurde die „Ordnung des Bundes Evangelischer Kirchen (BEK) in der DDR“ fertiggestellt. In Anlehnung an das Bekenntnis zur „bestehenden Gemeinschaft der evangelischen Christenheit“ in Deutschland in der Grundordnung der EKD schreibt der BEK gegen erbitterten Widerstand von Seiten der staatlichen Machthaber in der DDR in Artikel 4.4. seiner Ordnung die „besondere Gemeinschaft“ zwischen Kirchen des Bundes (BEK) und der EKD fest. Bei aller zunehmenden organisatorischen Trennung war mit dieser Formulierung die juristische Grundlage für die bleibende Verbindung mit den Kirchen in der EKD und deren weitere Hilfen für die Kirchen des BEK gelegt. Wichtig war sowohl der EKD als auch dem BEK in der DDR, dass ihre Beziehungen zueinander nach wie vor als eine „besondere Gemeinschaft“ anzusehen waren und damit nicht schlechthin als „ökumenisch“ deklariert werden konnten, um nicht auf eine Stufe mit dem Ausland gestellt zu werden, was dem Ziel der DDR-Machthaber entsprochen hätte.

Die über die gesamte Zeit der deutschen Teilung währenden kirchlichen Partnerschaften zwischen Ost und West waren für die Arbeit der Kirchen von größtem Wert. Die allergrößte Bedeutung und Wirkung hatten die unmittelbaren Begegnungen der Christen aus Ost und West. So schätzt der langjährige Landesjugendpfarrer und spätere sächsische Oberkirchenrat Harald Brettschneider ein, dass eine gewisse Entfremdung zwischen Ost und West im Laufe der Jahre zwar nicht vermieden, aber doch stark gemindert werden konnte. Die kirchliche Partnerschaftsarbeit leistete einen Beitrag zur „Entdämonisierung des Ostens“ und zur „Entmythologisierung des Westens“ (H. Brettschneider).

Besonders herauszuheben sind dabei die seit 1980 jährlich stattfindenden Friedensdekaden. Stets fanden die Friedensbittgottesdienste nach einer gemeinsamen Ordnung statt. Die ökumenischen Versammlungen, besonders der Ökumenische Konziliare Prozess seit 1988 mit der Zielstellung „Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung“ wären ohne das „besondere“ Miteinander über die innerdeutsche Grenze hinweg nicht vorstellbar.

Das alles hatte vorbereitende Bedeutung in die Einübung von Diskursfähigkeit über unterschiedliche gesellschaftliche Systeme hinweg. Es befähigte zur kritischen Reflexion des eigenen theologischen und gesellschaftlichen Denkens und Handelns. Es forderte immer wieder auf zur Friedfertigkeit und Einübung in den Ruf „Keine Gewalt“. Die schon mit Gründung der EKD im August 1945 betonte „geistig-kulturelle Klammerfunktion“ war bei Gemeindebesuchen, Posaunenchortreffen, Kirchenfesten bei den inzwischen etwas erleichterten Besuchsbestimmungen der 1980er Jahre allerorten mit Händen zu greifen.

Diese Partnerschaften gab es sonst nirgendwo; für keinen anderen Bereich in der DDR. Nebenbei sei bemerkt, dass der stets Devisen hungrige DDR-Staat nicht unerheblich an der materiellen Seite der Partnerschaften partizipierte. Das finanzielle Gesamtvolumen, was allein über das Diakonische Werk von 1957 bis 1990 von West nach Ost abgewickelt wurde, betrug 1 Milliarde 309,7 Millionen DM. Das ist nur der offizielle, über die Diakonie abgewickelte Betrag. Dazu kommen ungezählte Hilfen auf Ebene der Kirchenkreise, der persönlichen Partnerschaften, für gemeinsame Treffen in Drittstaaten vom Innerdeutschen Ministerium, Mittel aus den jährlichen Jugendwohlfahrtsmarken u.a.m.

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

an dieser Stelle ist es mir ein ganz großen Anliegen, im Rahmen meines Vortrages für diese solidarische Hilfe über Jahrzehnte von West nach Ost einen ganz großen Dank auszusprechen. Ich sage DANKE für diese Verbundenheit!

Ich weiß, dass auch viele von Ihnen hier im Saal Ihren Anteil dazu geleistet haben. Das sollte nicht vergessen werden. Unsere Kirchen haben keinen Grund, ihr Licht an dieser Stelle unter den Scheffel zu stellen.

Die katholische Kirchen

Ähnlich der evangelischen Kirchen versuchte auch die katholische Kirche pragmatisch durch provisorische Regelungen mit der entstandenen Situation des Auseinanderdriftens von sowjetisch besetzter Zone und den Zonen der westlichen Besatzungsmächten und der späteren Teilung Deutschlands umzugehen. Man hütete sich, die bisherigen Bistumsgrenzen an den neuen Staatsgrenzen anzupassen. So hatte beispielsweise das Erzbistum Paderborn einen bischöflichen Kommissarius in Magdeburg. Die Bistümer Fulda und Würzburg hatten einen gemeinsamen Generalvikar in Erfurt; der formelle Verwaltungssitz für die Würzburger war Meiningen.

1972/73 wurden zwar die Gebiete mit dem Status eines bischöflichen bzw. erzbischöflichen Amtes versehen und die Prälaten zu Apostolischen Administratoren ernannt, es unterblieb jedoch – außer bei Görlitz, wo es um die deutsch-polnische, nicht die innerdeutsche Grenze ging, - die Erhebung zur Apostolischen Administratur.

Nach der Wiedervereinigung wurden die Provisorien aufgehoben und die bischöflichen Ämter Meinungen-Erfurt zum Bistum Erfurt erhoben, ebenso wie das bis dato dem Erzbischof Paderborn unterstellte Magdeburg.

Die Begegnungen und Hilfsleistungen von Seiten der westlichen Glaubensgeschwister waren ähnlich intensiv wie auf evangelischer Seite. Ich selbst habe dies eindrücklich bei meinem katholischen Onkel, der lange Jahre Studentenpfarrer in Dresden war, erfahren dürfen. Er war Mitglied eines Oratoriums in dem von Uwe Tellkamp in seinem Roman „Der Turm“ so anschaulich beschriebenen Dresdner Stadtteil Weißer Hirsch. So sehr sich die Katholischen Studentengemeinden in der DDR ähnlich den Evangelischen Studentengemeinden mit den realen gesellschaftlichen Verhältnissen in der DDR auseinandersetzten, so hatte ich bei meinen Besuchen im Oratorium meines Onkels stets das Gefühl, mich bezogen auf die DDR, in einem exterritorialen Gebiet aufzuhalten.

Die Stringenz, mit der sich katholische Gemeindeglieder, den ideologisch geprägten Anforderungen des DDR-Staates zu enthalten suchten und dies auch erfolgreich taten, war aus meiner Sicht um einiges stärker ausgeprägt als im evangelischen Teil der Bevölkerung. Ablesbar war das zum Beispiel an der relativ hohen Zahl von Jugendweihe-Verweigerern unter katholischen Christen.

Als existentiell aber erschien mir damals in den 1980er Jahren als junge Christin in der DDR das Handeln des neu gewählten polnischen Papstes Johannes Paul II. Seine Forderungen, die er lange vor seiner Wahl zum Papst als Kardinal Karol Wojtyla von Krakau gegenüber dem kommunistischen Regime in Sachen Religionsfreiheit erhob, waren unter Christen in der DDR bestens bekannt. So trat er auch in seinem Papstamt gegenüber den kommunistischen Regimen Osteuropas wesentlich kompromissloser als seine Vorgänger auf.

Erinnern möchte ich an seine erste Polenreise als Papst vom 2. bis 10. Juni 1979, die wir von der DDR aus mit großer Spannung verfolgten. Damals haben zehn Millionen Menschen, das ist ein Viertel der polnischen Bevölkerung, „ihrem“ polnischen Papst unmittelbar zugejubelt und in ihm ein Symbol des polnischen Widerstands gesehen. Das war eine große Stärkung für die polnische Widerstands- und Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc. Legendär ist der Zuspruch von Johannes Paul II. „Habt keine Angst“. Mit diesem Zuspruch gab er Gewissheit und machte Mut nicht nur für die Friedensgebete und –dekaden in den 1980er Jahren, sondern auch unmittelbar für die Gebete und Demonstrationen im Herbst 1989.

Das alles trug bei zu einer Dynamik, die immer mehr an Fahrt gewann. Nicht zu unterschätzen sind aber auch die staatlichen Aktivitäten Ende der 1980er Jahre im Zusammenhang mit dem Besuch Erich Honeckers in der Bundesrepublik vom 7. bis 11. September 1987. Besonders das Treffen mit Helmut Kohl haben wir in der DDR gebannt auf den Fernsehbildschirmen verfolgt. Im Vorfeld dieses Treffens hatten die bundesdeutschen Verhandlungsführer den DDR-Machthabern u.a. etliche Zugeständnisse für eine weitere Lockerung der Reisefreiheit für DDR-Bürger abgerungen, die in der Folge ihre Wirkungen nicht verfehlten.

Zur Dynamik im Jahr 1989 vor Beginn der Friedlichen Revolution, insbesondere zur Rolle der Kommunalwahlen am 07.Mai 1989

 

Das Jahr 1989 war von Beginn an gekennzeichnet durch eine weitere Zuspitzung der innenpolitischen Lage in der DDR einerseits und spürbare Liberalisierung in einigen östlichen „Bruderländern“ der DDR, nicht zuletzt unter Michail Gorbatschow in der Sowjetunion, andererseits.

So harrten bereits im ersten Quartal Ende März 1989 insgesamt 779 Ausreisewillige aus der DDR in den westdeutschen Botschaften vor allem in Prag und Budapest aus. Das waren mehr als im gesamten Jahr 1984. Die ungelöste Ausreisefrage erwies sich für das DDR-Regime als wachsendes Problem, zumal Ungarn mit Datum vom 2. Mai seine Grenze zu Österreich für die eigenen Landsleute öffnete. Innerhalb der DDR hatten sich unter den Systemkritikern des Landes, besonders unter dem Dach der Kirchen mit Bildung der verschiedensten Arbeitsgruppen zu DDR-Tabu-Themen ein wachsenden Partizipationsbedürfnis von Friedens-, Umwelt-, Dritte Welt-, Frauen- und Menschenrechtsgruppen an gesellschaftlicher Mitsprache entwickelt. Nicht zuletzt war die Überzeugung gereift, dass ein Staat, der nach außen Frieden will, sich auch nach innen zu einem friedlichen Umgang mit seinen Bürgern verpflichten sollte. So wurde aus der kirchlichen Friedensbewegung u.a. auch eine Demokratiebewegung. Diese innenpolitischen Entwicklungen korrespondierten mit einer 1989 deutlich veränderten internationalen Lage.

Michail Gorbatschow hatte bereits im Dezember 1988 ein deutlich liberalisiertes Wahlgesetz erlassen, mit der Folge, dass bei der dortigen Wahl im März 1989 etliche Kandidaten von den Wählern nicht mehr die erforderliche Mehrheit erhielten. Liberalere Wahlgesetze standen auch in Polen und Ungarn auf der Tagesordnung. Nun standen in der DDR ebenfalls Wahlen an. Warum sollten die Bürgerinnen und Bürger der DDR auf Dauer hinter dem zurückstehen, was in anderen sozialistischen Ländern ermöglicht wurde? Das war eine immer häufiger zu hörende Frage im Vorfeld der anberaumten Kommunalwahlen.

Doch die SED-Staatsmacht verfing sich zusehends in ihrem eigenen Anspruch: „Es muss alles demokratisch aussehen, aber wir müssen alles fest in der Hand haben.“ (Walter Ulbricht im Juni 1945). Allein wesentlich war dabei die Funktion von Wahlen als „Dokumentation der Übereinstimmung von Volk und Partei“, und die sollte nach Propaganda der SED bei möglichst 100% liegen, woraus sich ein weiteres Problem ergab.

Es war die „Fortschrittsfalle“, mit der sich die SED in ihrer Maßlosigkeit selbst einen guten Teil ihres eigenen Grabes schaufelte. Alles, aber auch wirklich alles, unterlag der „sozialistischen Weiterentwicklung“, sprich Steigerung. Bei 99,9% Wahlerfolg ist das schwierig. Aber mit „Parteiauftrag“ gab es auch immer neue Ideen. So auch 1989. Kurzerhand wurden für die Kommunalwahl 1989 bspw. die Zahl der Wahlhelfer erhöht und auch die Anzahl der Wahlbezirke und Kandidaten. Erstmals sollten auf diese Weise auch Kandidaten der Freiwilligen Feuerwehr und Kleingarten- und Kaninchenzüchtervereine auf die Einheitslisten der Nationalen Front aufgenommen werden. Kirchliche Gruppen fragten: Warum nicht wir? Antworten darauf blieben die staatlichen Wahlverantwortlichen freilich schuldig. Es war das Ziel Honeckers, die Wahlen 1989 zu einer Manifestation der „Überlegenheit des Sozialismus in den Farben der DDR“ gegenüber der Politik von Michail Gorbatschow zu nutzen. Sie sollten ein „Plebiszit gegen Glasnost und Perestroika“ werden, so jedenfalls die Illusion aus dem SED-Politbüro. Wahlkritiker hingegen formulierten in Anlehnung an die gängige SED-Losung „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“ nun: „Von der Sowjetunion lernen, heißt wählen lernen.“

Das alles hatte manche überraschende Folgen.

Zum Beispiel gab es eine Rechtslage, die nur wenigen in der DDR bekannt war, sich aber zunehmend unter Interessierten herumsprach:

Immerhin waren laut DDR-Recht „Kollektive“ an der Kandidatenaufstellung zu beteiligen. Das brachte kirchliche Gruppen auf die Idee, sich als „Kollektiv“ zu melden. Sie wurden abgelehnt. Ausdrücklich wurden im Wahlgesetz der DDR die öffentliche Stimmauszähung bei Wahlen und das Recht der Wahlbeobachtung benannt. Und: nach Strafgesetzbuch der DDR §211 wurde nachgewiesene Wahlfälschung mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft.

Dazu kam das wachsende Bedürfnis, sich die lang verweigerte Partizipation an wichtigen gesellschaftlichen Entscheidungen unter Nutzung legaler Möglichkeiten zu erkämpfen. Die abweisenden Reaktionen der SED-Funktionäre führten dazu, dass es erstmals zu Verbindungen zwischen erbitterten Systemkritikern, die inzwischen oftmals zu „Totalverweigerern“ mit Ausreiseantrag geworden waren, Reformern für einen „dritten Weg“ und einer breiteren Bürgerschaft kam.

Erstes Zeichen dafür war der spontane Protest am Wahlabend des 07.05.1989 auf dem Alten Markt in Leipzig, als eine breitere Bürgerschaft erstmals Sympathie für die Protestierer gegen die nachgewiesenen Wahlfälschungen zeigte. Ein weiterer öffentlicher Protest schloss sich am nächsten Abend, dem 8. Mai nach dem Montagsgebet in der Nikolaikirche in Leipzig an. An beiden Abenden gab es massive Polizeigewalt. Am Wahlabend wurden von etwa 2000 anwesenden Protestierern und flankierenden Bürgern etwa 200 festgenommen. Aber der „Nukleus“ der späteren Leipziger Montagsdemonstrationen war geboren. In Berlin wurde fortan an jedem 7. eines Monats öffentlich gegen die Wahlfälschung protestiert, trotz extensiver Polizeigewalt auch hier.

Die Wahlen vom 7. Mai hatten damit eine katalysatorische Wirkung für die Ereignisse des Herbstes 1989 in mehrfacher Hinsicht.

Sie bewirkten einen Bewusstseinsschub bei den Bürgern für ihr Partizipationsdefizit an den Entscheidungsfindungen im DDR-System. Eine ganz konkrete Folge der nachweislich gefälschten Kommunalwahlen vom 7. Mai traf unter anderem auch mich als Mitglied der damaligen Ost-CDU in der DDR ganz persönlich. Auch Mitglieder der CDU verspürten, dass es jetzt an der Zeit sei, unser Partizipationsbedürfnis ab jetzt deutlich vernehmbar zu artikulieren und offen einzufordern. Als vier Mitglieder aus dem kirchlichen Raum begannen wir mit ersten Überlegungen zu einem Aufruf an alle Mitglieder und Vorstände der CDU DDR-weit, unsere Partei an „Haupt und Gliedern zu erneuern“. Der Startschuss für eines der Reformdokumente des Jahres 1989, des „Weimarer Briefes“ war gesetzt.

Die Wahlen vom 7. Mai brachten darüber hinaus einen deutlichen Entfremdungsschub zwischen Volk und Regierung. Gleichzeitig sorgten sie für einen Mobilisierungsschub für die Kritiker und Gegner des DDR-Systems. Erstmals ermöglichte der Schulterschluss aller, die der Lüge nicht länger das Wort reden wollten, den Protesten gegen die erstarrte und reformunfähige Partei- und Staatsführung eine „kritische Masse“ zu verleihen, die den Anfang vom Ende der DDR unumkehrbar machten.

 

Streiflichter auf ausgewählte Orte, Ereignisse und Menschen der Friedlichen Revolution

 

Die Nikolaikirche in Leipzig

Anknüpfend an die eben beschriebenen Leipziger Geschehnisse vom 7. und 8. Mai 1989 beginne ich mit der Nikolaikirche in Leipzig.

Diese Kirche mit ihrem damaligen Pfarrer Christian Führer gilt zudem als einer der großen Symbolorte der Friedlichen Revolution. Es war das montägliche Friedensgebet in der Nikolaikirche am 9. Oktober 1989, an das sich in einem friedlichen Protestmarsch durch die Leipziger Innenstadt mehr als 70.000 Menschen anschlossen und die Verantwortlichen des DDR-Regimes angesichts der unerwartet großen und schier unübersehbaren Anzahl von Menschen mit Kerzen, Gebeten und dem Ruf „Keine Gewalt“ die Panzer in den Kasernenhöfen stehen ließen. Vorausgegangen waren dramazische Appelle an die Staatsmacht mit dem Aufruf zur Gewaltlosigkeit u.a. von dem international renommierten Dirigenten Kurt Masur und die Erkenntnis der DDR-Oberen, dass diesmal, anders als am 17. Juni 1953 von den sowjetischen Besatzer dank Michail Gorbatschow keine Unterstützung für die bewaffneten Streitkräfte der DDR zu erwarten war.

Seitdem gilt der 9. Oktober als der Tag, an dem die SED-Machthaber mit ihrer martialischen Waffengewalt, mit Staatssicherheit und Militär vor der Gewaltlosigkeit, vor den Kerzen und Gebeten der Demonstranten kapitulierten. „Mit allem hatten wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten. Sie haben uns wehrlos gemacht.“ Mit diesen Worten wird später der ehemalige Vorsitzende des DDR-Ministerrates Horst Sindermann zitiert. Es war die Stunde der Friedlichen Revolution. Es war die Stunde der Erfüllung der großen prophetischen Weissagungen aus dem Alten Testament, mit denen vor allem junge Christen über viele Jahre, aller Verbote und Verfolgung durch Schuldirektoren, Parteisekretäre und Stasispitzel zum Trotz, aufmerksam machten: „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen“ (Micha 4, 3). Diese Verheißung war zum Symbol der Friedensbewegung in der DDR geworden. Und es war die Erfüllung der Seligpreisungen der Bergpredigt Jesu in Matthäus 5.

Doch möglich geworden war diese großartige Umkehr eines bis auf die Knochen bewaffneten Systems von überbordender Gewaltandrohung und bereitwilligem Einsatz hin zur Gewaltlosigkeit nur über die jahrelange Einübung der Gewaltlosen, zumeist in kleinen Gruppen und im ganz kleinen Rahmen. Auch dafür gibt die seit 1982 kontinuierlich währende Praxis der Friedensgebete in der Nikolaikirche ein eindrückliches Beispiel. Auch für diese Praxis war es ein Bibelwort, welches den über Jahre hin versammelten Betern, Christen und zunehmend auch Nichtchristen, zur besonderen Ermutigung geworden war. „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“, so heißt es in Matthäus 18,20.

Das tat gut in der kleinen Gruppe. Aber natürlich ging es um mehr. Dass es überhaupt um Gemeinschaft ging, war schon für sich genommen eine Provokation, war ein Politikum, in einem Staat, in dem jegliche Gruppenbildung außerhalb der staatlich verordneten oder zumindest kontrollierten Zusammenkünfte unter Generalverdacht standen bzw. verboten waren, mit Ausnahme von Familien oder eben der Kirchen.

Wir haben erlebt, welche Dynamik dieses Politikum „Gemeinschaft“ nach Matthäus 18,20 in der Nikolaikirche, aber auch anderen Orts, entfalten konnte. Mit den Ereignissen des Jahres 1989 ging es bald nicht mehr um „zwei oder drei, die in meinem Namen versammelt sind“; es ging um 20 oder 30, um 200 oder 300. Am Ende waren es Tausende, Zehntausende und Hunderttausende. Und doch blieb jeder einzelne wichtig wie bei „zwei oder drei“. Denn diese Gemeinschaft, die sich so entfaltete, die eine solche Dynamik entwickelte, hatte eine prägende, eine ausstrahlende, eine bindende Mitte. Versammelt sein im „Namen Jesu“ hieß vor allen anderen Dingen „Keine Gewalt“! Es bedeutet allerdings mitnichten, dass nun zunächst einmal untereinander alle für Harmonie standen, frei nach dem Motto „Alles Kuschelecke, klein, fein, Biedermeier und gemütlich“: Wir gegen die „böse Welt“ da draußen haben hier drin das „Licht der Wahrheit“ und unseren Herrgott. Nein, das bedeutete die Ermutigung durch den genannten Matthäusvers ganz und gar nicht. Wer den Kontext des Verses liest, der weiß: da ging es um harte Auseinandersetzungen in der Gemeinde, um Versagen und Fehltritte, aber auch um offene Aussprache, um Reue und Umkehr, um Versöhnung und neue Chancen durch das gemeinsame Wort und das gemeinsame Gebet und das gemeinsame Tun. Darauf kommt es an.

Es brauchte keine Ideal-Gemeinschaft, um etwas zu bewegen. Jeder mit all seinen Schwächen und Ängsten, mit seinen Irrtümern und Versagen war zum Gebet und zum Tun „in meinem Namen“ berufen. Da standen diejenigen, die gerade als Verbitterte und Zweifler unter den Verhältnissen der DDR Zuflucht in den Kirchen suchten, neben denen, die seit Jahren den kirchlichen Dienst im Ehren- oder Hauptamt versahen. Niemand erhob sich über den anderen. Jeder gehörte dazu. Das war eine großartige Erfahrung. Dieses Erleben von Gemeinschaft war es auch, das Angst überwinden und dem Ruf von Papst Johannes Paul II. „Habt keine Angst!“ zu folgen half. Und es war die Ermutigung, selbst etwas für die vor Gott gebrachten Gebetsanliegen zu tun. Das war es, was im Herbst 1989 nicht nur in Leipzig, sondern überall in den Kirchen in der ehemaligen DDR geschah. Eine Landkarte der DDR mit den eingezeichneten „Orten der friedlichen Revolution“, herausgegeben vom Bürgerkomitee Leipzig, gibt darüber anschaulich Auskunft. Neben Leipzig war einer dieser ganz besonderen Orte Plauen, die „Hauptstadt“ des sächsischen Vogtlandes, etwa 100 km südlich von Leipzig gelegen.

Das Wunder von Plauen am 5. und 7. Oktober 1989

In Plauen vollzog sich das „Wunder des Herbstes 1989“ bereits wenige Tage vor Leipzig am 05. und 07. Oktober. Maßgeblich daran beteiligt war der spätere langjährige EKD-Synodale und damalige Superintendent von Plauen, Thomas Küttler. An dieser Stelle finde ich es am eindrücklichsten, Thomas Küttler mit seinem Zeitzeugnis über die Plauener Ereignisse an diesen beiden Tagen selbst zu Wort kommen zu lassen. Bundespräsident Walter Steinmeier hat diese Stadt aus gutem Grund für sein Sommerinterview im vergangenen Jahr zur Würdigung der Friedlichen Revolution in der DDR ausgewählt.

Hier nun Thomas Küttler im Originalton. (Zitiert aus: Brettschneider/Oettingshaus (Hrsg.) „Das Wunder der Freiheit und Einheit. Mit Zeitzeugen auf dem Weg der Friedlichen Revolution“, SCM/Hänssler, Evangelische Verlagsanstalt, 1. erw. Auflage 2019, S. 50 f.)

Am 5. Oktober hatte die Pfarrerschaft kurzfristig ein Friedensgebet angesetzt, wegen der Spannung in der Stadt. Dass der Oberbürgermeister Dr. Martin uns mit dem Strafgesetz drohte, hielt uns davon nicht ab. Am Abend kamen so viele Christen und Nichtchristen zusammen, dass die Andacht gleich zweimal hintereinander gehalten werden musste. In konzentrierter Atmosphäre sangen, informierten und beteten wir auch für die politisch Verantwortlichen: ‚Lass sie die Realitäten erkennen, bewahre sie vor Machtmissbrauch und Gewaltanwendung…‘

Zwei Tage später, am 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR, erlebten wir die Erhörung unseres Gebets. Auf ein Gerücht hin versammelten sich zur Überraschung aller mindestens 10.000 Menschen im Plauener Stadtzentrum. Die Polizei versuchte, sie brutal zu vertreiben. Dadurch kam eine Demonstration in Gang, die schließlich vor dem Rathaus endete. Dessen Eingang war martialisch abgeriegelt. Eine gefährliche Konfrontation drohte. Ermutigt durch unsere Friedensandachten vor zwei Tagen, ging ich aufs Rathaus zu, sagte dem Polizeianführer, ich sei dem Oberbürgermeister persönlich bekannt und müsse mit ihm reden. Tatsächlich, ich wurde durchgelassen. Die Genossen standen nervös im Foyer. Der OB, der noch zwei Tage zuvor versucht hatte, mich einzuschüchtern, war jetzt zornig und unsicher. Draußen stand das Volk und forderte gewaltlos Freiheitsrechte. Schließlich lenkte Martin ein und gab die verbindliche Zusage zu einem offenen Gespräch ohne Vorbedingungen. Die Zusammensetzung auf unserer Seite blieb mir überlassen. Als die Glocken der nahen Lutherkirche den Sonntag einläuteten, gingen die Menschen erhobenen Hauptes heim.“

Dieser bewegende Bericht von Superintendent Küttler steht stellvertretend für viele und verursacht bei mir auch 30 Jahren nach diesen Ereignissen noch immer Gänsehaut.

Zum Beitrag der Kirchen beim Übergang von der Diktatur zur Demokratie

In einem weiteren Punkt möchte ich schlaglichtartig einen Blick auf den Beitrag von Christen, oft hauptamtliche Pfarrer oder ehrenamtlich tätige Mitlieder in kirchlichen Synoden und gemeindlichen Kirchenvorstände zur Gründung der neuen Bewegungen und Parteien im Herbst 1989 werfen.

Das Volk forderte auf den Straßen und Plätzen Freiheit und Demokratie. Dabei kam es auf jeden an. Die Demokratie wurde von den vielen Einzelnen getragen. Sollten sich daraus aber dauerhaft neue demokratische Verhältnisse entwickeln, waren Strukturen notwendig, in denen sich Demokratie organisieren konnte.

Als erstes wurde am 10. September das Neue Forum als Bürgerrechtsbewegung gegründet, mit dem Ziel, den demokratischen Dialog zu fördern und demokratische Reformen zu ermöglichen und durchzuführen. Am gleichen Tag veröffentlichten Reformkräfte innerhalb der CDU den bereits oben erwähnten „Weimarer Brief“ zur Erneuerung der Ost-CDU und mit Forderungen nach gesellschaftlichen Reformen. Diese beinhalteten u.a. das Verlangen nach Eigenständigkeit der CDU gegenüber der SED, Reisefreiheit, Pressefreiheit, ungehinderte Informationsfreiheit zu den katastrophalen Umweltdaten in der DDR und freie Wahlen.

Es folgten die Gründungen von Demokratie Jetzt, der SDP die nur wenig später den Namen ihrer westlichen Schwesterpartei SPD übernahm, der Demokratische Aufbruch und zuletzt die Deutsche Soziale Union sowie zahlreiche kleinere Gruppierungen und Parteien. Geht man den Gründungsgeschichten der genannten Parteien und Bewegungen nach, so wurzeln sie allesamt in der kirchlichen Friedensarbeit, in der Solidarischen Kirche von unten, in der Initiative für Frieden und Menschenrechte, in Berliner Kirchgemeinden, wie der Berliner Evangelischen Bartholomäusgemeinde und dem dortigen Arbeitskreis „Für Absage an Praxis und Prinzip der Abschreckung“ als Nukleus für Demokratie Jetzt oder der Umweltbibliothek in den Kellerräumen der Berliner Zionskirchgemeinde.

Natürlich gab es dabei die Verbindungen zu Dissidenten, zu den außerhalb der Kirche vom DDR-Staat verfolgten Intellektuellen und Künstlern, wie dem Kreis um den Chemieprofessor und Regimekritiker Robert Havemann oder die Berliner Malerin Bärbel Bohley, die aufgrund eigenständigen Denkens und Kritik an den DDR-Oberen unter massiven staatlichen Sanktionen litten. So zählt neben Bärbel Bohley, Katja Havemann, dem Juristen Rolf Henrich, dem Arzt und Molekularbiologen Jens Reich oder dem Physiker Sebastian Pflugbeil auch der Theologe und Direktor der Evangelischen Akademie Magdeburg, Hans-Jochen Tschiche zu den Erstunterzeichnern und Gründern des Neuen Forums.

Bei anderen Gründungsversammlungen mag man sich des Eindrucks nicht erwehren, ganze Pfarrkonvente vor Augen zu haben. Beispielsweise hatten zur Gründungsversammlung der SDP die beiden Pfarrer Martin Gutzeit und Markus Meckel für den 7. Oktober ins Pfarrhaus ihres Amtsbruders Joachim Kähler nach Schwante eingeladen. Zu den Mitbegründern gehörten neben den genannten Pfarrern u.a. die Theologen Thomas Krüger, Steffen Reiche, Arndt Noack, Hans-Jürgen Misselwitz und Konrad Ellmer.

In der Berliner Wohnung des Theologen Ehrhart Neubert gründete sich der Demokratische Aufbruch, zu dessen Gründungsmitgliedern u.a. die Theologen Rainer Eppelmann, Edelbert Richter, Rudi Pahnke, Friedrich Schorlemmer und Günter Nooke gehören.

Zu den Gründern der Initiative Demokratie Jetzt zählen u.a. der Physiker und Synodale Hans-Jürgen Fischbeck, die Theologen Wolfgang Ullmann und Almuth Berger, die Gründerin der Berliner Domkantorei Regine Hildebrandt und Katrin Göring-Eckhardt.

Auch die Reformen in der DDR-Blockpartei CDU wurden von Mitarbeitern unter dem Dach der Kirche vorbereitet. Zu ihnen zählten der Pfarrer und Chefredakteur der Thüringischen Kirchenzeitung „Glaube und Heimat“, der Eisenacher Oberkirchenrat, der allerdings später einer inoffiziellen Mitarbeit für die Staatssicherheit überführt wurde, Martin Kirchner, die Juristin und Synodale Martina Huhn und ich als damalige Pastorin im Kirchenkreis Weimar.

Neben dem Aufbau der neuen Parteien und Bewegungen galt es flächendeckend den eingeforderten Dialogprozess zwischen den auf allen Ebenen noch im Amt befindlichen Verantwortlichen der alten Staatsmacht und den neuen Kräften der Friedlichen Revolution zu moderieren. Im ganzen Land wurden Runde Tische gebildet, deren Moderation nahezu ausnahmslos den vorhandenen Geistlichen beider Kirchen übertragen wurde.

Mahnend klangen in dieser Zeit des Übergangs zwischen Straße und Runden Tischen die Worte des Jenaer Theologieprofessors und Praktischen Theologen Klaus-Peter Hertzsch vom 26. November 1989: „Auch die neuen Bürgerbewegungen und Parteien werden nicht lange von den Fehlern der anderen leben können, sondern, worum es schließlich geht, sind die neuen Ideen, wie es besser zu machen ist, und die neuen Taten, die wirklich zum Besseren führen. Mit dem Verschwinden des Führungsanspruchs der SED darf kein neues Feindbild entstehen (,der böse Genosse‘). Das Gesetz von Schlag und Gegenschlag führt in den Teufelskreis, in die Zukunft führt nur die Gerechtigkeit für jeden: für uns, unsere Freunde, unsere Partner, unsere Gegner.“

Zugleich erinnerte er an das Ideal des Ökumenischen Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, der dem Beginn der Friedlichen Revolution einen so wichtigen Antrieb vermittelt hatte.

Bis zum heutigen Tag ist nicht weniger als die Hymne der Friedlichen Revolution „Vertraut den neuen Wegen“ mit seinem Namen verbunden.

Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist,

weil Leben heißt sich regen, weil Leben wandern heißt.

Seit leuchtend Gottes Bogen am hohen Himmel stand,

sind Menschen ausgezogen in das gelobte Land.“

Das war christliches Zeugnis inmitten der aufgewühlten Zeiten des Umbruchs.

Die Präsenz der Theologen setzte sich in der ersten und letzten freigewählten Volkskammer mit der Wahl vom 18. März 1990 fort. Von 400 Mandaten wurden 21 mit Pfarrern aus dem kirchlichen Dienst besetzt. Die meisten, nämlich zehn, entfielen auf die SPD. Neben zahlreichen, bereits genannten Gründern der Partei wie Markus Meckel, Martin Gutzeit oder Steffen Reiche befand sich unter ihnen u.a. auch der profilierte Denker und spätere Professor Dr. Richard Schröder.

Die CDU wartete mit sechs Pfarrern auf, das Wahlbündnis `90 aus Demokratie Jetzt, Neuem Forum und Grünen mit Joachim Gauck, Hans-Jürgen Tschiche und Wolfgang Ullmann stellten drei Theologen, der Demokratische Aufbruch mit Pfarrer Rainer Eppelmann und die DSU mit Pfarrer Wilhelm Ebeling jeweils einen. Hinzu kamen zahlreiche synodal erprobte aktive Christen wie Reinhard Höppner oder der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maiziere.

Allein die personellen Ressourcen, mit denen in diesem Fall vor allem die Kirchen den Übergang von der Diktatur zu einer offenen und demokratischen Gesellschaft moderieren halfen und sich selbst in den Aufbau der neuen Bewegungen und Parteien hineinbegeben haben, spricht für sich.

Zusammenfassende Anmerkungen

Die Überwindung einer bis an die Zähne bewaffneten Staatsmacht und eines hermetisch abgeriegelten, fest in der Block-konfrontation zweier Weltmächte verankerten Systems ist und bleibt ein Wunder Gottes.

Freilich brauchen Gottes Wunder Werkzeuge. Dazu haben beide großen Kirchen auf je ihre Weise beigetragen.

Die Kirchen im geteilten Deutschland haben ihre „besondere Gemeinschaft“ über alle politischen Grenzen hinweg nie aufgegeben. Dadurch konnten sie einen gar nicht hoch genug zu schätzenden Beitrag sowohl zum Erhalt der geistig-kulturellen Gemeinsamkeiten für die Menschen beider deutscher Staaten in der Zeit der deutschen Teilung leisten. Die aus der geistlichen Gemeinschaft im Gebet und der gemeinsamen Ordnung der Friedensbittgottesdienste gewachsene gemeinsame Verantwortung war für die Einübung in Gewaltlosigkeit und das Gelingen der Friedlichen Revolution existentiell.

Dazu kam die kirchliche Gemeinschaft im Sinne einer offenen Kirche Jesu Christi für alle Menschen, für Beter und Zweifler, für Menschen mit ihrem Einsatz für Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden. Mit der Botschaft Jesu waren Kirchen für viele Ermutiger, Impulsgeber und Stachel im Fleisch der Diktatoren, die sich selbst an der Stelle Gottes sitzen sahen.

Unvergessen bleiben der Zuruf von Johannes Paul II. „Habt keine Angst!“ und das Wort aus dem Matthäusevangelium „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“ (Matth. 18,20).

Eine Gemeinschaft der Betenden als Provokation, als Politikum für unsere Demokratie – das würde heute wohl kaum jemandem einfallen. Aber: Einstehen für das, was ich für unser Gemeinwesen zu geben vermag und Leidenschaft aus meinem Glaubenszeugnis heraus - das bleibt aktuell für jeden Einzelnen von uns auch heute. Das wünsche ich Ihnen und unserer Demokratie in unserem Land.

 

 

 

Aus unserem Archiv: Die Maiwanderung vor fünf Jahren

 

30 LESE-Wanderfreunde schreckten vor Veränderungen in der gewohnten Routine des Programmablaufs der Wanderungen nicht zurück und wurden mit einem Maitag belohnt, der Menschen glücklich macht!

Und: die LESE-Mitglieder bewiesen wieder einmal ihre Flexibilität. Frühere Startzeit, Streckenwanderung statt Rundweg, Benutzung der Bahn zwischen 2 Streiks. Bedienung des Fahrkartenautomaten:  Kein Problem. Das macht Mut für Künftiges!

Wir hatten nicht zu viel versprochen: Das idyllische Langfigtal im Zauber des Frühlings, erholsamer Frieden trotz des turbulenten Brücken-Wochenendes, kurz, besser geht es nicht. Die meisten Wanderfreunde sind vertraut mit der Region, aber viele waren überrascht, dieses Kleinod noch nicht gekannt zu haben. Damit es so bleibt, sollte man nicht zu viel darüber berichten!

Nach 3 bequemen Stunden waren die 10 fast  steigungslosen Kilometer bewältigt, und zur Belohnung erwartete uns gepflegte Gastlichkeit im Weingut-Restaurant St.Nepomuk in Rech. Dort konnten wir noch einige Angehörige begrüßen, die nicht mit gewandert waren.

Dank der spontanen Hilfsbereitschaft der bewährten LESE-Wanderer war der problemlose Ablauf der Wanderung trotz der krankheitsbedingten Verhinderung der Co-Führerin gesichert. Mein Dank gilt dem "harten Kern" unserer Wandergruppe.

 Rolf Schroers

Covid19-Dossier des Statistischen Bundesamtes mit neuesten Daten

 (de.) Einen aktualisierten Datensatz aus seinen Beständen nicht nur zum medizinischen Bereich, sondern auch zu Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Konjunktur im Zusammenhang mit dem Corona- Virus hat das Statistische Bundesamt zusammen gestellt. Unser Lesefreund Johann Hahlen, ehemaliger Präsident dieser Institution hat uns diese Informationen zugänglich gemacht.

Durch die Veröffentlichung auf unserer Website wollen wir die Zahlen einem größeren Kreis an Interessierten zur Kenntnis bringen. Ihre Meinungen können Sie dann in unserem Forum einbringen.

Um zu der Statistik zu kommen, klicken Sie auf den obigen Link.

Neues vom Vorstand - Wie geht es weiter in CORONA - Zeiten

Liebe LESE-Freundinnen,

liebe LESE-Freunde,

 

der Vorstand hat nochmals über eine Verlängerung unseres Veranstaltungs-Moratoriums beraten. Wir empfehlen, diese Abstinenz aus Sicherheitsgründen noch bis einschließlich Pfingsten beizubehalten, also keine Veranstaltungen vor dem 2. Juni durchzuführen. Unabhängig vom Ergebnis der Besprechungen der Bundesregierung mit den Landesregierungen erscheint dies angesichts der Altersstruktur der LESE gerechtfertigt und sinnvoll. Wir hoffen sehr, dass der Verlauf der Corona-Pandemie anschließend eine schrittweise Rückkehr in die Normalität zulässt, so dass wir unsere persönlichen Kontakte und die vielfältigen LESE-Aktivitäten in gewohnter Weise genießen können.

 

Wir halten es allerdings nicht für sinnvoll, die Wiederbelebung mit einer Veranstaltung im Großen Saal der Evangelischen Kirche zu beginnen und bitten daher den Veranstaltungsausschuss den dort für den 10. Juni geplanten Termin zu verschieben.

 

Die weitere Rückkehr wird in den von den Behörden vorgegebenen Stufen vor sich gehen müssen, da die bekannten und notwendigen Hygiene- und Abstands-Regeln vermutlich noch einige Zeit weiter eingehalten werden müssen. Als erstes werden daher sicher die Aktivitäten wieder aufgenommen werden können, bei denen diese Regeln leichter eingehalten werden können, z.B. in der Wandergruppe. Wie lange hierbei noch auf die Gastronomie verzichtet werden muss, die ja auch Voraussetzung für die Tischtreffen ist, wird sich zeigen.

 

Hoffen wir, dass – als Silberstreifen am Horizont - das für Mitte August geplante Sommerfest im Restaurant NEES des Bonner Botanischen Gartens im geplanten Rahmen durchgeführt werden kann.

 

Mit den besten Wünschen für Ihre Gesundheit und herzlichen Grüßen

 

Ulrich Spindler