Was tun im Lockdown? Karin Schwippert macht Lesevorschläge nicht nur für den Literaturkreis.....

Liebe LESE- und Literatur-FreundInnen,

 

wieder ist ein Monat in´s Land gegangen … die Zahl der Corona-Infektionen nimmt zwar ab, aber ob wir uns bald wieder treffen können? Es bleibt ungewiss, deshalb möchte ich Ihnen/Euch noch einmal eine Nachricht vom Literaturkreis schreiben.

 

Es soll wieder ein Bonner Autor sein, den ich vorstellen möchte, heute der erst kürzlich verstorbene Lyriker Ludwig Verbeek (er hat aber auch Erzählungen, Essays und Tagebücher veröffentlicht). Nach dem Studium in Bonn (Germanistik, Anglistik et al.) war er jahrelang als Lehrer tätig, aber auch als ein leidenschaftlicher Literatur-Schaffender. Als Mitglied des Verbandes Deutscher Schriftsteller leitete er jahrelang – z.T. mit Karin Hempel-Soos – die Bonner Regionalgruppe. Am liebsten stand er vor Publikum und trug seine Gedichte vor, an denen er immer wieder feilte. So habe ich ihn auch kennengelernt, bei einer Veranstaltung zum Thema Die Sprache der Gärten 2014 im Botanischen Garten Bonn. Ein Querschnitt durch sein Schaffen findet sich in dem 2005 veröffentlichten Im Schatten der Sprache – Gedichte aus 60 Jahren.

 

Ein ganz besonderes Projekt begann er 2004 mit dem Bonner Buchhändler Jalal Rostami, gebürtig in Kermanschah/Iran, dort ausgebildet zum Lehrer, seit 1988 in Bonn und nach Abschluss seines Studiums (Bibliothekswesen) Gründer der Buchhandlung Goethe und Hafis mit gleichnamigem Verlag. Rostami wollte gerne eine zweisprachige Ausgabe einiger Gedichte des in Persien berühmten und auch der englisch-sprachigen Welt bekannten Omar Chayyam (1048 – 1131) herausgeben. Aus dem Vorwort dieses Buches (Titel S.2) erfährt man, dass Chayyam ein persischer Mathematiker, Astronom, Astrologe, Kalenderreformer, Philosoph und ein vor allem für seine Vierzeiler (die rubbayat) berühmter Dichter war. Seine Weltansicht und sein ganzes Denken waren nicht nur geprägt von altpersischer vorislamischer Kultur, Mathematik und Astronomie, sondern auch von den alten Schulen griechischer Philosophen, so von Heraklit, Empedokles, Demokrit, Platon, Aristoteles, Epikur. Darüber hinaus ist vielleicht wichtig zu wissen, dass er sich im Gegensatz zu anderen Wissenschaftlern und Dichtern seiner Zeit nicht auf Druck der repressiven Führung des Landes der Religion unterordnen wollte. Deshalb wurde er wie andere gleichgesinnte Denker von Fanatikern aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen und durfte seine Werke nicht veröffentlichen, seine Gedichte blieben aber durch Weitergabe von Mund zu Mund im Umlauf.

 

Verbeek schreibt über den Entstehungsprozess seiner deutschen Übertragung im Vorwort, Jalal Rostami habe ihm nach dem Lesen des persischen Originaltextes, der ihm Rhythmus, Reim und Grundton nahe brachte, eine Rohübersetzung vorgelegt und er erkannte mit „Frühling, Leben, Liebe, Natur, das Paradies auf Erden, Rausch, Verfall, Tod viele Themen der Weltpoesie“, und „… dass ich zwar Chayyams Weltsicht nicht in allem teilte und mich manche seiner Verse befremdeten, jedoch wurde ich der Schönheit seiner Bilder, Metaphern, Symbole gewahr, verstand seinen Spott und sein Aufbegehren gegen Dummheit … und fand Gefallen an seinen Epigrammen. … Und so hat unsere über ein Jahr dauernde Orient und Okzident verbindende Arbeit zu zweit – mit Omar Chayyam als unsichtbarem Dritten – reiche Frucht getragen.“

 

Omar Chayyam, Philosophische Bildergalerie im 11. Jahrhundert – Persische Gedichte in Übertragung von Jalal Rostami und Ludwig Verbeek (Goethe & Hafis Verlag Bonn, 2006)

 

Hier finden Sie/findet ihr eine kleine Auswahl.

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Ich hoffe, auch Sie finden/ihr „findet Gefallen an den Epigrammen“!

 

Mit herzlichen Grüßen

Karin Schwippert

 

P.S.

Hier noch eine Empfehlung (vollkommen ohne Bonn-Bezug …):

 

Zwei Bücher der wunderbaren Autorin Christine Wunnicke, die nicht überall bekannt ist, es aber schon zweimal auf die Long- bzw. Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft hat. In beiden Werken, einer Novelle und einem Kurzroman, beschäftigt auch sie sich auch mit dem Thema Kulturaustausch und dem Bereich Sprache/Übersetzen und Dolmetschen/(Miss-)Verstehen:

 

  1. Nagasaki, ca. 1642 spielt in der Zeit der Abschottung Japans gegen alle westlichen Einflüsse. Es treffen aufeinander a) Seki, ein ehemals ruhmreicher Krieger, jetzt Handelsgesandter, und b) Abel, ein niederländischer Vielredner und Dolmetscher mit dem Spitznamen Babel, angestellt von der ostindischen Handelskompanie. Und im Kern steht noch eine Rache, die noch geübt werden soll … Mehr unter: https://www.deutschlandfunk.de/christine-wunnicke-nagasaki-ca-1642-japanisch-europaeischer.700.de.html?dram:article_id=480875 (2010/2020, 110 S.)

 

  1. Die Dame mit der bemalten Hand. Hier befinden wir uns im Bombay des Jahres 1764. 2 Reisende, die beide von ihren eigentlichen Routen abgekommen sind, treffen sich auf der Insel Elephanta nahe Bombay. Sie sind zum einen der Bremische Mathematiker Carsten Niebuhr, zum anderen der persische Astrolabienbauer Meister Musa, d.h. west-östliche Missverständnisse und Gespräche über Sterne inclusive. Nur ein Fiebertraum? Auf jeden Fall ist auch dieser Roman ein ´charismatisches Kleinod´, sagt die Süddeutsche Zeitung. (2020, 166 S.) N.B. ´Die Dame mit der bemalten Hand´ ist der arabische Name für das Sternbild Kassiopeia.