Eine zweigeteilte Stadt voller architektonischer Kostbarkeiten - Betrachtungen des Altbischofs von Görlitz, Klaus Wollenweber

(JH).Die LESE hatte geladen. Und so waren rund 50 Gäste kürzlich in den großen Saal des Hauses der Evangelischen Kirche in Bonn gekommen, um dem Vortrag von Altbischof Klaus Wollenweber über die „Europastadt Görlitz, eine zweigeteilte Stadt voller architektonischer Kostbarkeiten“ zu lauschen.

 

Klaus Wollenweber, Jahrgang 1939, war 20 Jahre (von 1968 bis 1988) Pfarrer der Bonner Kreuzkirchengemeinde, dann bis 1995 in Berlin in der Kirchenkanzlei der Evangelischen Kirche der Union (der ehemaligen preußischen Kirchenprovinzen) tätig und von 1995 bis 2004 Bischof der Evangelischen Kirche der schlesischen Oberlausitz in Görlitz, bis sich seine Kirche mit der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg zusammenschloss. Von 2000 bis 2007 war er außerdem Beauftragter der EKD für die Spätaussiedler. Klaus Wollenweber lebt nun wieder in Bonn und ist Enkel des verstorbenen, langjährigen Lesemitglieds und Landgerichtsrats Erik Wollenweber.

 

Zunächst gab der Referent einen kurzen Überblick der Geschichte der Stadt Görlitz (im Folgenden G.):

 

1071 erstmals urkundlich erwähnt, wurde G. auf beiden Seiten der Neiße, weil am Schnittpunkt wichtiger Nord/Süd-und West/Ost-Handelswege gelegen, zum Haupt des vom böhmischen König Karl IV. gegründeten Sechs-Städte-Bundes, dem u.a. Bautzen, Kamenz und Zittau angehörten. Durch das Färben und den Handel mit Tuch wurde G. zu einer Stadt wohlhabender Bürger und Kaufleute. G. gehörte nie zum sächsischen Herrschaftsbereich, sondern zählte zur Oberlausitz und teilte so das Schicksal von Schlesien. Im 2. Weltkrieg blieb G. von Bombenschäden verschont, die Stadt ergab sich kampflos den russischen Armeen, so dass sie nicht zerstört wurde. Aber mit der Oder-Neiße-Grenze teilte dann der Fluß Neiße die Stadt in einen westlichen, deutschen und einen östlichen, polnischen Teil. Während der DDR-Zeit war die Grenze bis Ende 1989 „geschlossen“. Nur Westdeutsche und Ausländer konnten über die beiden Brücken (eine Eisenbahn- und eine Autobrücke) in den östlichen Teil und nach Polen reisen.

 

1945 hatte die Wehrmacht alle sechs Brücken gesprengt. Bis 1997, d.h. dem Beitritt Polens zur Europäischen Union, war die Neiße in G. Außengrenze der EU. Deshalb hatte die Bundespolizei alle Hände voll zu tun, die vielen Menschen, die illegal nachts durch die nur knietiefe Neiße aus Vietnam und Osteuropa nach Deutschland und in die EU gelangen wollten, aufzuspüren. Seit Polen Mitglied der EU ist, hat sich die sog. Schengen-Grenze an die Ostgrenze Polens verlagert und jedermann kann ohne Kontrollen über die 1997 gebaute Fußgängerbrücke vom westlichen Teil, d.h. von G. in den östlichen, seit 1945 Zgorzelec genannten Teil und umgekehrt gelangen.

 

Altbischof Wollenweber lud dann seine Zuhörer zu einem – mit eigenen Fotos plastisch bebilderten – „Stadtrundgang“ durch das westliche G. ein:

 

G. ist eine Stadt der Türme (von Kirchen, dem Rathaus und der Stadtbefestigung). Es gab zwei Getreidemühlen auf beiden Seiten des Flusses, die jetzt dank der dort aufgestauten Neiße Elektrizität produzieren. Die insbesondere von prächtigen Renaissance-Kaufmanns-und Bürgerhäusern geprägte Bausubstanz war im 2. Weltkrieg erhalten geblieben, aber in der DDR-Zeit marode geworden. Der Staub aus dem nahegelegenen Braunkohletagebau hatte die Fassaden schwarz gefärbt und im Herbst 1989 waren ganze Straßenzüge zur Sprengung vorbereitet gewesen, um dort Plattenbauten zu errichten.

 

Nach dem Fall der Mauer am 9. 11. 1989 ließ man davon ab. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und an deren Spitze Prof. Dr. Kiesow machten es sich zur Aufgabe, G. im alten Glanz wieder erstehen zu lassen. Unser Referent fasste das so zusammen: Während 1995, bei seinem Amtsantritt als Bischof, in jeder Straße von G. nur ein Gebäude renoviert gewesen sei, wären seit langem nur noch ein Haus pro Straße renovierungsbedürftig. Auch auf der Ostseite der Neiße seien die Straßenfronten entlang der Neiße inzwischen sehr ansehnlich, insbesondere das Haus, in welchem der Schuhmacher und Laienphilosoph Jakob Böhme (1575-1624) gelebt habe. Allerdings stünden in G. ca. 25000 Wohneinheiten leer; etwa in dem prächtigen Kaufhaus-Bau mit einer Karyatiden-Loggia über dem Haupteingang seien zwar ebenerdig Ladenlokale, die Wohnungen darüber aber unbewohnt.

 

Trotz der umfassenden und erfolgreichen Sanierung der alten Bausubstanz ist – so der Altbischof - die wirtschaftliche Lage von G. unbefriedigend. Die Schließung der Werke von Siemens und Bombardier habe zwar abgewendet werden können, aber die Arbeitslosigkeit liege bei rd. 15% und die Stadt verliere insbesondere die jungen Leute, die in den Westen oder in die drei sächsischen „Leuchttürme“ Dresden, Leipzig und Chemnitz zögen. Das Schließen des benachbarten Tagebaus 1997 habe ca. 20000 Menschen die Beschäftigung genommen. Es fehle an Investitionen und mittelständischen Betrieben. Darauf könne man u.a. die früheren Wahlerfolge der SED-Nachfolgepartei und die jetzigen der AfD in G. (zwei der vier Wahlkreise in G. hat die AfD bei der Landtagswahl am 01. September 2019 mit jeweils weit über 30 Prozent der Stimmen gewonnen) zurückführen.

 

Altbischof Wollenweber zeigte bei seinem – virtuellen – Stadtrundgang in G. seinen Zuhörern u.a. den Obermarkt mit der Dreifaltigkeitskirche, am Untermarkt das Rathaus mit seinem achteckigem Turm und der geschwungenen Treppe mit der Gerichtskanzel, die Hallenhäuser mit den Durchfahrtsmöglichkeiten für Fuhrwerke, den Marienplatz, die spätgotische Peterskirche mit ihrer einzigartigen Sonnenorgel, das 1504 außerhalb der Stadtmauern den Örtlichkeiten in Jerusalem nachgebaute sog. heilige Grab und das „Biblische Haus“ in der Neißestraße, an dessen Front ein reicher Tuchhändler 1570 zwei Friese mit je 5 Szenen (oben aus dem NT, unten aus dem AT, als Hochreliefs aus dem Sandstein gehauen) hatte anbringen lassen.

Dem Referenten gelang es so, die Stadt vor den Augendes Publikums lebendig und liebenswert werden zu lassen. Er verabschiedete sich mit dem Ratschlag, unbedingt Görlitz zu besuchen, sich aber dort vor dem Pflaster der Straßen und den recht unebenen Platten der Bürgersteige in Acht zu nehmen.

 

Die Vorsitzende des Veranstaltungsausschusses der LESE, Karin Schwippert, dankte Altbischof Wollenweber unter dem lang anhaltenden Beifall der Zuhörer mit einem Weingeschenk.